Ein Fundament aus Bässen, Drops, Doubletime-Raps und jeder Menge Tiefgang

Künstler und ihre Muse, das Zusammenspiel stellt meistens keine stetige Parallele dar. Woher kommt sie, wer oder was steuert sie? Wir können bisher nur sagen wann sie kommt, Stunnah`s „Muse-EP“ erscheint ganz untypisch an einem Mittwoch, genauer gesagt dem 02.09.15

Ein realer MC

Ursprünglich kommt der Künstler aus der Drum & Bass-Subkultur. Er war beziehungsweise ist in diesem Subgenre in den vergangenen Jahren als MC kreuz und quer durch Deutschland und Europa unterwegs gewesen. Von Sigma über Netsky bis hin zu Noisia und Pendulum hat Stunnah Sets live in englischer Sprache gehostet. Im letzten Jahr hat der Sprechgesangsartist zum ersten Mal, den Versuch gewagt Drum & Bass mit deutschen Raptexten zu verbinden.

Man kann ihn getrost als alten Hasen am Mikrofon bezeichnen, jedoch ist dieser „imaginäre“ Status durch seinen Neustart – mit deutschen Texten – etwas in den Hintergrund gerückt. Medien betiteln ihn als Frischling und Newcomer. Ein gestandener Artist mit jeder Menge Hunger – eine interessante, seltene Kombination.

Muse EP Cover

Muse EP Cover

Sein erstes Video „Geht nicht klar“ hat es ohne Hilfe eines Managements, eines Labels oder Ähnlichem in die Playlisten von MTV, Viva, tape.tv und Weiteren geschafft. Der Song lief und läuft unter anderem in einigen Spezialsendungen von Radio Fritz (Unsigned), YouFM, N-Joy, Bremen Vier, Byte.fm und einigen weiteren kleineren Sendern.

Bemerkenswert! Wer das nötige Kleingeld nicht ausgeben möchte, kann sich persönlich an den Musiker wenden, ohne sich die Tracks auf illegalem Wege besorgen zu müssen. Seit März diesen Jahres sitzt er auch noch anderweitig vorm Mikrofon und promotet seine eigene zweiwöchentliche Radiosendung auf dem neu eröffneten ARD-Sender „Bremen Next“, in der ausschließlich Drum & Bass und artverwandte Musik gespielt wird. Da geht einiges diggi!

Ein melodisches Instrumental eröffnet die Konzept-EP und der erste Song beginnt, macht „ein bisschen Platz“ für Stunnah. Der längere Intro-Verse wird zu Anfang eher vorgetragen als gerappt, trotzdem klingt es rhythmisch. Hier ein kleiner Auszug:

„5:30, der Wecker klingelt, ich steh‘ auf

Hab‘ keine Lust, aber muss, also komm, geh‘ raus

Hab‘ keinen Bock auf den Trott und all das was ich hier seh‘

Denn ich seh‘, wie’s mir hier auch bald ergeht wenn ich nicht geh‘

Komm‘ immer zu spät auf der Arbeit an und kapsel‘ mich ab

Weil ich keine Kraft mehr für diese Fassade hier hab‘

Das fuckt mich ab: Mein Jahresurlaub weg, mein Stundenkonto im Minus

Dazu die Gewissheit entdeckt, dass ich jeden Morgen wieder hier hin muss“

Der Künstler thematisiert seinen Status Quo, seinen nervenden Alltag und die daraus resultierenden Ängste. Er hat sich jahrelang parallel durchgeschlagen, unter der Woche jeden Tag im Rathaus von 9 bis 5 gearbeitet und ist am Wochenende quer durch die ganze Republik gepilgert.

Die daraus angestaute Verzweiflung lässt er somit los, um bereit zu sein, den nächsten Schritt zu wagen. Das letzte Stück des Verses und das Outro spiegeln das schön wieder:

„Denn ich hab‘ Jahre gewartet bis jetzt, dann alles auf eine Karte gesetzt und nun meinen Job gekündigt,

Um frei zu sein um das zu tun was ich liebe, aber checke bis heute meine Uhr noch stündlich,

Aus Paranoia davor Zeit zu verlieren, wie viel Zeit bleibt mir, heut‘ was Neues zu kreieren,

Aus Geräuschen für Leute was Neues zu schaffen, bedeutende Sachen, die nicht nur mich interessieren“

 

OUTRO

„Stift und Blatt, Schrift, die mit jedem Schritt etwas schafft,

Die Kick zum Bass, ein Lick am richtigen Platz,

Es drückt, wenn die Snare klatscht, dieser neue Sound hier klingt krass,

Zeilen kommen und gehen, ich bin jetzt da, mach ein bisschen Platz“

Farben

Nun hat Stunnah vom Schwarz genug und darum lässt er „die Farben los, es geht von farblos zu farbenfroh“. Der zweite Song „Zeilen“ knüpft beattechnisch an den Opener an. Bei diesem Tune wird der Schreibprozess des Künstlers bearbeitet, wie sich aus Ideen Reime bilden und somit Songs entstehen. Besonders die unter Freischaffenden allseits bekannte Blockade bekommt Gehör. Zuerst melodisch startend mit einzelnen Dupstep-Elementen versehen, beginnt zu Ende des Stücks der kraftvolle Part mit der folgenden typischen DnB-Rave-Struktur. Das ist auch der Punkt, wenn Stunnah zum ersten Mal seine typischen Doubletime-Bars abfeuert. Rap über Rap, wie er besser nicht sein kann. Hier darf der erste Verse nachgelesen werden:

„Ich seh‘, wie das Blatt vor mir unter meiner Hand verschwimmt,

Wie das was ich denke langsam aber sicher Gestalt annimmt,

Als der Stift wie von allein‘ zu schwingen beginnt und so meine Schrift zwingt,

Mit schwarzer Tinte Zeilen auf’s Weiß zu zeichnen, sodass es einen Sinn ergibt.

Zumindest für mich wenn ich auf diesen kleinen Zettel blick‘,

Aber während ich wieder am Denken bin, verschwinden Zeilen und meine Reime zersetzen sich,

Wo eben aus nichts alles wurde, ist jetzt wieder gähnendes Nichts,

Das mir hämisch in’s Gesicht grinst während es den Inhalt in die Ferne rückt, komm zurück“

Apropo Doubletime, was bei der breiten Masse an Deutschrappern meistens nur inhaltlosen Brei darstellt, findet man hier als Kontrast sinnvolle Zeilen und nachdenkliche Lyrik:

„Denn ich hab‘ am Tag geträumt wie die Farbe verläuft und diese Art von Träumen

hat sich an vergangenen Tagen gehäuft, bin abends aufgewacht, hab in der Nacht meinen Traum gejagt,

denn ich dachte, ich weiß wie der Pfad verläuft, mit jedem Pinselstrich, den ich zieh‘,

den du siehst wenn du liest was ich schrieb kannst du sehen, wie die Geschichte

sicher der Monotonie entfieht, sich selbst neu erfndet und dich in ihren Bann zieht“

Nun kommt des Rapper`s beste Freundin in`s Spiel: die Muse. Der Track „Du bist“ knüpft weiter an das vorhandene Soundbild an, jedoch wirkt der Beat etwas druckvoller und schneller, ein passender Drop rundet das Gesamtpaket passend ab. Lyrische Leckerbissen werden für euch auf den Tisch geworfen. Hier hat mich wiederum der erste Verse sprachtechnisch am meisten beeindruckt:

„Ich versuch‘ nur, den Tag hinter mich zu bringen,

Um dann nachts mit neuer Kraft ganz neu zu starten und zu beginnen,

Voll Tatendrang ein Netz aus einem Faden strahlender Farben zu spinnen,

Find‘ mich aber letzten Endes gehemmt, am Starren, dasitzend.

Wechsel erwartend wart‘ ich tags lethargisch, flach atmend,

Wechselnde Farben strahlen wider Erwarten stärker gegen Abend,

Wie jeden Abend starr‘ ich auf diese Bilder, die ich fnd‘ in meinem Innern,

Wach‘ auf im Flimmern gedimmten Lichts, kann mich wie immer an nichts erinnern“

„Spiegel“ ist quasi eine neue Version des Titels „schwere Luft“, der im Februar 2014 veröffentlicht wurde. In der aktuellen Version wirkt alles etwas ausgereifter und homogener. Stunnah erzählt von Momenten, die jeder Raver schon einmal erlebt hat. Zweihundertvierzehn Sekunden für alle Bassjunkies, die Nachts von Snares, Drops und Breaks träumen.
Anschließend wird es instrumentaltechnisch etwas gebrochener und verschachtelter, was für die Untergrund Subkultur ein opportunes Spiegelbild darstellt. Dieser Teil der EP wirkt allgemein etwas melancholischer. Er beleuchtet größtenteils die Schattenseiten eines Ravers und findet passende Worte:

„Noch siehst du’s nicht, läufst vor deinen eigenen Gedanken weg, aber sie kriegen dich,

Es ist doch eh alles ein bisschen mehr Schein als Sein, denn am Ende bleibt nur noch die Zeit allein,

Drei Tage vereinen sich im Schein, so wird es immer schwerer diese Tage zu timen,

Leider bleibt kein einziges dieser Highs, aber die Tiefs, die bleiben“

Stunnah rot

Stunnah rot

Der nächste Song, „Zu wenig Zeit“, wurde auf ein minimalistisches Instrumental gerappt und thematisiert den vollen Terminkalender, die tausend Möglichkeiten, die wir heutzutage haben und es dennoch die Meisten nicht schaffen ihr Schaffen in den Fokus zu rücken.

Ein wichtiger Punkt, den er anspricht ist die Entwicklung, dass alles vergeht und somit eigentlich nichts bleibt. Der Schluss des letzten Verses zeigt dies passend auf:

„Und ich weiß, es kann eben nicht jeder verstehen, aber das ist mir eine verdammte Lehre gewesen,

Ich geb‘ nichts mehr auf leere Gespräche, bewege mich nicht mehr auf deren Wegen,

Es geht um mehr, als das was ich hier seh‘, das ist, was Dasein ist,

Wer sich wehrt, erfährt zwar die Wahrheit nicht, doch am Ende bewährt die Wahrheit sich,

Zumindest in meinem Gedicht“

Es geht nachdenklich weiter, Track Nummer acht hört auf den Namen „Keine Antwort“.

„Schwüre geschworen, Versprechen gebrochen,

Würde verloren, verletzt und zerbrochen,

Verbrechen verübt, Strafe verbüßt,

Erinnerung: wage, die Tage: ermüdend“

Hier grübelt und sucht der AElement-Rapper in den Tiefen seiner Selbst und möchte Lösungen auf seine Fragen finden. Mithilfe der „zu wenig, zu viel-Thematik“ wurde das sehr schön umgesetzt:

„Zu viel am Grübeln, zu viele pseudo-psychologische Analysen,

Zu wenig euphorische Flüge in Schüben, man vermutet, es wird sich eh nichts fügen,

Zu viel vom zu Viel, dabei doch ewig zu wenig Vergnügen, versuch, mich zu begnügen,

Zu wenig Bemühen, keine Kompromisse eingehen, keine Blüte.

Kleine Lügen, scheiß viele kleine miese Intrigen, aber meistens keinen Wind kriegen,

Segel streichen, das Thema: Leichtsinn, sinnlos, von Sinnen, wie blind geblieben,

Von innen getrieben, gute Gefühle zerrieben, kein Gefühl zum gutfühlen geblieben,

Dafür das Grübeln in der Frühe, anstatt Gespür neu zu fühlen in den Tiefen, meine Güte“

Stunnah Berlin

Stunnah Berlin

Die Beatproduktion von „Leicht“ wirkt im Vergleich etwas freundlicher und fröhlicher, das Blatt scheint sich langsam zu wenden. Weiterhin wird von Ängsten erzählt und zu der Muse gesprochen, das spricht Stunnah so geschickt und allgemein an, dass man die Zeilen auch auf seine Partnerin oder seinen besten Freund umwälzen könnte.
Die negativen Gedanken bestimmen die EP, aber an diesem Punkt ist letztendlich das große Ganze doch stärker als der Zweifel.
Nun wagt der Musiker in „Reset“ den Neustart, man durfte ihn auf dieser Reise begleiten und seiner Geschichte lauschen. Falls der Plan nicht aufgehen sollte, hat jeder Mensch die Möglichkeit nochmal den Reset-Knopf zu drücken.

„Ich will jeden Tag erleben als wär’s heut‘ mein erster,

In freudiger Erwartung auf jeden neuen Herzschlag,

Jeden neuen Schritt, jeden Augenblick, jedes bisschen Glück,

Das ich krieg‘ während ich mir selbst ernsthaft erklärt hab’“

 

„So kämpf‘ ich gegen die Lethargie an,

Stärke mich mit dem was ich in meiner Phantasie kann,

Ersetze Stress gegen Gutes, tu‘ Gutes,

Bleib guten Mutes, zweifel‘ mich nie an“

Die Instrumentals stammen alle aus der Hand von dem in Neuseeland lebenden Produzent und Vollblutmusiker Martin Seyer und bilden einen flächendeckenden Sound-Teppich, der auf Top-Niveau ausproduziert wurde. Genregrenzen, die eingerissen werden, das starke Bassfundament und die schönen Tempowechsel sind außergewöhnlich und verleihen der Debüt-EP einen besonderen Charme.

Fazit

Auf der EP sind 8 Stücke enthalten, die musikalisch zwischen Drum & Bass, Dubstep, Oldskool, Breakbeats und Grime pendeln. Der Tonträger an sich behandelt einen gewissen Lebensabschnitt, thematisch wie soundmäßig. Die Stärke dieser Musik liegt in der Live-Umsetzung. Thematisch dreht es sich darum, widrige Dinge selbst zu verändern und die aktuelle Situation aus eigener Kraft zu verbessern, anstatt weiter im Trott zu versinken. Sei es im beruflichen, privaten oder künstlerischen Kontext. Parallel dazu geht es um diese typische Kunst-Sache: Die Suche nach der Muse.

Tracks / Infos:

Die EP ist ab sofort zum Vorbestellen in allen gängigen Download-Portalen verfügbar. Parallel dazu bietet der Künstler an, seine Releases direkt bei ihm zu kaufen, falls jemand die Firmenmentalität der Shops uncool findet. Das Video zu der ersten Single folgt 14 Tage nach Veröffentlichung der EP.

  1. Ein bisschen Platz
  2. Zeilen
  3. Du bist
  4. Spiegel
  5. Zu wenig Zeit
  6. Keine Antwort
  7. Leicht
  8. Reset

Wer immer noch nicht überzeugt ist, der darf sich das Snippet reinziehen.

Stunnah ist social-media-technisch sehr viral unterwegs und besitzt eine verhältnismäßig sehr große Reichweite, lass sie wachsen und klick dich ein.

www.facebook.com/stunnstarr

www.stunnah.de

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