Der selbsternannte Frauenschwarm im Superheldenkostüm? Klingt nach Konzeptalbum! Wieso das einerseits stimmt, andererseits aber nicht, lest ihr hier.

Sudden also mit seinem zweiten Solo-Album, sein Mixtapedebüt mal außen vor. Die Frage ist natürlich, was erwartet uns als Resultat? Eine typische Trailerparkplatte, voll mit (mehr oder weniger gelungenem) Fäkal- und Drogenhumor, sowie den üblichen Übertreibungen? Zelebriert sich Sudden als sein Rapper-Ich, des Stars mit Hang zum Frauenverschleiß oder steckt mehr drin in dieser LP? Nach dem Anhören der Platte, bleibt ein „Jein“ als abschliessende Antwort auf diese Fragen.

Die erste Halbzeit

„Super Sudden“ als Eröffnungstrack, macht den Anfang mit einem etwas dünnen aber lustigen 8-Bit Sound Beat, gefolgt von einer Pianoline und schon bei der gesungenen Hookline schimmert viel des momentanen Trailerparkkonzepts durch. Ein bisschen poppig, ein bisschen Gesang, eine gute Portion Humor. Mehr von den ersten beiden Kategorien, als man vom, früher im Alleingang relativ battlelastigen, Solo-Sudden erwartet hätte. Die Gesangseinlagen könnten schiefer sein, aber bei der gewählten Thematik, hätte es auch gerne etwas offensiver sein dürfen.

„Kinder einer meiner Hits hieß Pokemonkarten / und heute findet man mit Sicherheit noch Koks in mein Haaren / Ich war ein motherfucking Rockstar hatte Sex mit Popstars / Wenn ihr jetzt lacht, ey, dann reiß ich euch den Kopf ab…“

Bis über die Hälfte der Platte hinaus, liefert der Trailerpark Milfhunter dann auch die zu erwartende Portion der Kunstfigur Sudden. Herausstechend unter anderem: „Euer Vater war ein Star“ in dem Zukunftssudden, in der Hook unterstützt von Sina Soemer, seinen Zöglingen vorschwadroniert, wie das damals eben so war, als Rapstar. Gegen Ende wird es dann sogar richtiggehend selbstkritisch, wenn die Ehegattin schon lange geflüchtet ist und die riesige Menge an Superstarkohle, doch nur für eine schäbige 1-Zimmer Wohnung für Papa und die Kids gereicht hat. In konkretem Fall bleibt nur noch die blanke Ironie, um über den, vielleicht irgendwann drohenden, Looser-Status hinwegzutäuschen. „Dörte Müller“ entpuppt sich ebenfalls als runder Track. Auch wenn die Thematik des wahnsinnigen Groupieflirts, mit sich irgendwann in Richtung ungesunde Eigendynamik entwicklendem Verlauf, nichts wirklich Neues ist, wurde das Ganze in ein passendes, rockiges, Beatgewand gepresst und diese Rocksonglastigkeit tut dem Track gut.

Der Alligatoah Featuretrack „Hitler töten“ hat bei mir dann für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Ich wußte schon, durch die Videoveröffentlichung, was da auf mich zu kommt, war aber doch überrascht. Im Prinzip klingt das Alles nicht nach einem Sudden-Track, mit Ali als Featuregast, sondern von vorne bis hinten wie ein Alligatoah Song. Nicht nur weil der große Teil des Tracks von ihm dominiert wird, sondern weil der akkustische Gitarrenansatz und die Gesangslastigkeit eher aus Alis Feder zu kommen scheinen. Ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes ist, das zu werten bleibt jedem selbst überlassen. Mich hat es zumindest überrascht, war ich doch der Meinung ein Sudden Album zu hören.

Wohin denn jetzt?

Mit Track Nummer Zehn vollzieht sich dann im Albumkonzept ein totaler Bruch, der das zweiseitige Konzept der Platte letztendlich offenbart. In „Alleine lächeln“ und „Bestie in mir“ kommt nämlich ein anderer, leider oft zwanghaft reflektierend wirkender, Sudden ans Tageslicht und beschäftigt sich mit DER, für ihn augenscheinlich recht schmerzhaften, Trennung und den damit verbundene Veränderungen in seinem Leben. Diese Trennung bleibt dann auch bis zum Ende der, alles zusammenhaltende, Unterton. Ob mit RAF 3.0 auf „Du oder ich“ die Konsequenzen des Beziehungsbruchs durchgespielt werden oder der eigene Schutzkokon in „Roboter“, mit Hilfe von symbolischen Stahlplatten, aufgebaut wird. Das passt dann leider konzeptionell überhaupt nicht zum ersten Teil des Albums und noch viel weniger zum schürzenjagenden Sudden, wie ihn der normale Trailerparkfan erwarten würde.

Etwas mehr Ernsthaftigkeit schadet sicher nie und Sudden als Artist tut auch gut daran etwas mehr zu wollen, als nur der koksschniefende Typ mit der Pornoattitüde zu sein. Aber man fragt sich wirklich was Ihn geritten hat, diese Veränderung von Null auf Hundert in der Albummitte zu zelebrieren. Ein Track über diese Trennung hätte sicherlich gereicht und es wäre für eine konsequente Verwandlung vom Supersaiyajin der Partynacht, zum geläuterten Typen, noch genügend Platz in Trackform geblieben. So wirkt es als würde Sudden sich bemühen hier Etwas zu erzwingen, nur um am Ende ein totes Pferd durch die Wüste zu treiben.

Mission accomplished?

Was in der Rückbetrachtung bleibt ist der Eindruck das Sudden mit dem Album versucht, neben seinem existierenden Image, aufzuzeigen das er auch komplett anders kann. Mit ein bisschen mehr Glaubwürdigkeit was die softeren Songs anbelangt, wäre ihm das vielleicht auch geglückt. Womöglich hätte auch schon ein langsamerer Übergang, zwischen den poppig-rockigen Starttracks und der Gefühlsschiene gereicht, um wirklich den Eindruck einer Tranformation auf Plattenlänge zu erzeugen. Das hat Sudden leider nicht geschafft. 60% der LP klingen wie erwartet, mit der schon von der restlichen Trailerparktruppe eingeschlagenen, suf poppig getrimmten, Marschrichtung, 40% wie der zwanghafte Versuch, ein Zerrbild von sich zu etablieren. Man könnte ihm das durchaus abnehmen, diesen sentimentalen Typen, aber eher nicht, wenn er, 2 Tracks vor der abrupten Wandlung, aus dem Schlafzimmer der Mutter seiner eigenen Ex taumelt. Da hilft auch kein Sarkasmus, um hier die Illusion zu wahren. Konsequenz, dass ist es was die Platte leider vermissen lässt. Schade, denn vom technischen Aspekt her ist alles rund und ohne Ausfälle, Sudden gibt sich in diesem Bereich keine Blöße. Aber auch wenn man jeden Künstler nur anspornen kann, Mut zur Veränderung zu zeigen, sollte diese Wandlung doch nachvollziehbar sein. Und genau das bleibt Sudden leider schuldig.

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