Takt32 - Gang
Flow
Lyrics
Beats
Herz
4.4Sterne

Ein interessantes Stück Rap Musik, ein bemerkenswertes Debut.

Der erste erfolgreiche Schritt in die Öffentlichkeit erfolgte bei der Berliner Battlerap Veranstaltung „Rap Am Mittwoch“. Dort konnte der MC in der Battlemania Championsleauge (BMCL) die gestandene Größe Separate besiegen. Danach stand der Fokus auf der Solokarriere und der nächsten Treppenstufe. Zusammen mit FX gründete er das Label „Kiezkunst“.

Nach diesen Erfahrungen begann er Songs zu schreiben, die sowohl die Härte des Battle Raps, als auch die Stimmung seiner Umgebung widerspiegeln. Der Rapper beschreibt seine Gegend und den Lifestyle nicht als Ghetto oder Gangstar, sondern als Banlieue und Rebell. Zwischen Graffitis, Niedriglohnjobs und zahlreichen Battles im Park, beobachtet und analysiert Takt32 kritisch seine Umgebung und Mitmenschen. Musikalisch spiegelt sich genau das in seinen Texten und Beats wieder.

Nach der „#Overkill“ EP im letzten Jahr, die von Fans und Kritikern positiv aufgenommen wurde, liegt seit dem 08. Mai diesen Jahres das Debütalbum „Gang“ in den Läden. Die EP kann als eine Mixtur aus Battle Rap lastigen Liedern und Thementracks definiert werden. Der junge Mann ist fleißig wie eine Biene, 18 neue Anspielmöglichkeiten verspricht die Standard Version des Albums, die uns zur Verfügung gestellte sogar satte 21 Songs, obendrauf gibt’s nochmal zwei Remixe.

Takt32 Promo, (c) Melanie Buss

Takt32 Promo, (c) Melanie Buss

Der MC ist ein Urberliner Großstadtkind. Aufgewachsen im Plattenbau zu Zeiten von Bassboxxx, Westberlin Maskulin und Aggro, begann er das Rappen in Battles getreu dem Untergrund-Motto: Wer etwas möchte, muss es sich einfach nehmen. Schon früh war er als Schwimmer aktiv. Durch sein Talent fuhr der Künstler schon früh in jungen Jahren zu Wettbewerben nach Frankreich. Er lebte zwei Jahre bei einem Gastbruder. Der war Teil der lokalen Sprayer-Szene, wodurch der Berliner in entsprechende Kreise eintauchte und selbst mit dem Graffitisprühen begann. Nach seinem Abitur zog er für vier Jahre in die USA nach St. Louis, Missouri, wo er ein College besuchte, das ihm ein Sportstipendium finanzierte. Das nimmt man halt eben mal mit, spart sich somit die Kosten um zuhause zu studieren und entdeckt nebenbei die Welt.

Die Bedeutung seines Künstlernamens kommt aus seiner Zeit als Grafititti-Künstler. Nach eigener Aussage hatte er immer die Reste leergetaggt. Daraus wurde dann irgendwann Takt. Auch musikalisch hat sich der junge Mann entwickelt, anscheinend ist nur der Himmel die Grenze. seine internationalen Einflüsse aus Frankreich und Übersee spiegeln sich in seinem Rap-Stil wieder und sind ein wesentliches Erkennungszeichen.

Track by Track

Der Tonträger ist in drei Kapitel eingeteilt, die Skits werden jeweils von einer Frauenstimme gesprochen. Das verleiht dem Longplayer einen spannenden Blockbuster Touch und zusätzliche Unterhaltung. Die kompletten Beats stammen aus den Händen des erst 20-jährigen Ausnahme Produzenten Jumpa. Zurecht steht der Producer bei Sony/AVT unter Vertrag. Er hatte schon einige tolle Referenzen vorzuweisen, aber erst durch so einen facettenreichen Soundteppich schafft man es irgendwann in die Champions League der Beatbastler.

Man legt die CD ein und der erste Song „Stolz das Problem zu sein“ tönt aus den Speakern. Das Instrumental beginnt ruhig und verträumt, das Klaviersample streichelt die Ohrmuscheln, steigert sich Schritt für Schritt und wandelt sich schließlich in einen fetzigen Beat. Der Flow passt sich perfekt an und nimmt den Hörer mit ins Takti‘s Welt. Man kann ohnehin nur stolz auf etwas sein, was man selber geschaffen hat oder auf Handlungen, an denen man teilgenommen hat. Der Newcomer protzt und verkündet stolz, dass er nach nur ein paar Battles und einer EP schon einen halben Major-Deal in der Tasche hat.

„Alles egal, nehmt von eurer Außenwelt Abschied
Es ist schwer Liebe zu finden, wenn man überall nur Hass sieht“

Nun folgt das erste Kapitel. Im Skit erzählt eine Frau dem Hörer etwas über Glauben und Hoffnung. Ein interessanter Ansatz, der fortgeführt wird. Inhaltlich tendieren die Fortsetzungen in andere Richtungen, auch die musikalische Untermalung wechselt von Kapitel zu Kapitel.

Der dritte Track nennt sich „Hallelujah“ und ist einer der Highlights. Er beinhaltet einen mitreißenden Beat, Flow-Variationen und eine lyrische Liebeserklärung an die eigene Gang. „Komma Kla“ wird gerade für Trap-Fans ein wahrhaftigen Hörgenuss darstellen, denn Takt32 zeigt, wie der sonst so kontrovers diskutierte Stil auf Deutsch funktionieren kann. Wandlungen im Beat machen keine Probleme, die Betonung ist stets auf das Instrumental angepasst und lässig wird Reim für Reim zum Besten gegeben. Beide Tracks wurden zu einem Spit-Video ausgekoppelt. Großes Kino.

Liebhaber von authentischem, ernsten Sprechgesang kommen hingegen bei „Einer von uns“ auf ihre Kosten – verlorene Träume, Hass auf die Justiz und Polizei, Verrat, Drogen sind nur einige der Themenpunkte, die angesprochen werden.

Kapitel 2“ wird wieder von der weiblichen Stimme gesprochen und geht förmlich unter die Haut. Sie erzählt von Drogenmissbrauch und der dabei verlorenen Realitätssicht. Hier wird das ein bisschen umgedreht. Realität ist der Zustand, der aus dem Mangel an Alk und Weed entsteht. Ein Spiegel der Gesellschaft, auch wenn es viele nicht wahr haben wollen.

Konzeptionell und melancholisch geht es auf „Jimi“ weiter. Der Griff zur Flasche in dunklen Zeiten ist zwar vom Prinzip her nichts Neues, aber die Vortragsweise wie die Problematik dem Hörer vermittelt wird, ist umso innovativer.

„Alk hilft zu verdrängen, wovor wir immer rennen
Ey, jedes Vorbild längst erhängt, es gibt kein Vorort, der nicht brennt“

Beim nächsten Track erklingen epische Streicher. In „Jack City Gang“ kommt zum ersten mal ein Feature-Gast in’s Spiel, Labelkollege FX gesellt sich zu Taki und beide erzählen von ihren Gewohnheiten, den Jungs und ihrem Lifestyle. Der Flow in den Parts ist Bombe, aber die Hook ist leider etwas lieblos gewählt und die Wortwiederholung nervt ein wenig. Die Platte wird atmosphärisch fortgesetzt, nennt sich Titel Nummer Neun „Dschungelfieber (Interlude)“. Das einminütige Zwischenspiel liefert eine sehr gute Einleitung für den Folgetune.

„Ich wache auf, spüre Leere
Morgens ist die Stunde der Seele
Doch diese Stadt hat keine Zeit für große Reden
Ihre Tränen brennen wie Säure auf der Haut“

Dieser nennt sich  „Dschungelfieber“, hier wird das anonyme Großstadtleben thematisiert. Er beschreibt die gefühlskalte Umgebung, die sich Dorfkinder bzw. Aussenstehende fast nicht vorstellen können. Hier ist die Hook sehr passend gestaltet – eine wahre Symbiose mit dem Beat. Im Tune „Auf der Jagd“ zeigt uns der MC auf, wen er bis in den Tod feiert. Sagt wer für ihn keine Daseinsberechtigung im Rap Geschäft besitzt und übt Kritik an billigen Promostrategen und lieblosen Artists. Es fallen einige harte und unterhaltsame Punchlines, Stimmeinsatz und Betonung variieren ständig. Grandios. Die musikalische Vertonung wollen wir euch natürlich auch nicht vorenthalten.

Das letzte Skit „Kapitel 3“ handelt von Hass und Liebe. Die Angst vor dem Stehenbleiben oder Zurückfallen ist all gegenwärtig. „La Haine“ bedeutet in’s Deutsche übersetzt „Hass“ und genau davon handelt der Song. Es wird energiegeladen gerappt, man darf so einige poetische Zeilen begutachten.

„Mit dir ein leichtes, sich jederzeit einfach selbst zu bestrafen
Jede Liebe und Verstand unter ’nem Fels zu begraben“

Keiner von uns” steht im Gegensatz zu Track Nummer Fünf. Er beanstandet dass der Großteil nur dem Geld treu sei, anstatt dem eigenen Umkreis bzw. der Gang. Das Instrumental bietet eine grandiose Grundlage und der MC verleiht dem Track eine atmosphärische Note.

„Schaukel‘ weiter dicht an den Klippen
Beiß‘ nicht auf Stein, nur auf meine tauben Lippen
Setz‘ den Alk an, um Gedanken zu zerficken
Will nur raus, wirbel‘ Staub auf, um alle meine Schritte zu verwischen“

Der nächste Titel nennt sich „Ouech Ouech“ und die Lyrics werden auf einen orientalische angehauchten Beat abgefeuert. Er betitelt z. B. die Werke mancher Deutschrap Artisten als monotone Monologe und vergleicht sie danach als nicht ertragbar die Angela Merkel oben ohne. Bei Track Nummer 16 „Im Rausch“  bekommt Takti Unterstützung von Liquit Walker. Der „Auf keinen Fall“ Rapper und der Hauptprotagonist fügen sich optimal auf dem eingängigen Beat ein. So ein Feature könnte es öfters geben. „Ayo“ ist wieder ein typischer Representer-Track mitt Battle-Anleihen. Es werden viele fremdsprachliche Wörter benutzen, dadurch entsteht ein cooler Style, den nur sehr wenige Deutschrapper mit Stil anwenden können. Kurze Selbstzweifel formen ein authentisches und menschliches Bild.

„1000 Schlücke, 1000 Strophen, 1000 passende Anekdoten
Hör‘ 1000 Stimmen, die sagen: Takt, du schaffst es nie nach oben“

Takt32_Promo, (c) Kiezkunst

Takt32-Promo, (c) Kiezkunst

Eine weitere Liebeserklärung an die Crew und Hörerschaft hat den Namen „Alles ist die Gang“. Ein Respektsbekundung an seine zwei Kameraden Jumpa und Liquit Walker. Der MC erklärt und betont, dass sie nichts zu verlieren haben, alles auf Schwarz setzen und sehr hungrig auf Erfolg sind. Der Tune klingt mit einem tollen Klaviereinlage aus, dies darf als weiteres Beispiel gesehen werden, wie musikalisch diese Platte doch ist. Die Bonustracks sind auch nicht zu verachten und komplementieren den Tonträger hervorragend. In „So hell 2“ wird wieder der Berliner Sänger Dizzech gefeatured. Der Track ist die Fortsetzung von #Sohell aus Takts Debüt, der auch schon mit Dizzech zusammen war. Der Aufbau, einige Lines und die Hook dieses Songs ähneln sehr stark dem ersten Teil. Das klangliche Niveau des Originals aus dem Jahre 2014 kann leider nicht erreicht, was aber hauptsächlich an der gesungenen Hook liegt. Die nicht schlecht ist, aber leider nicht die überragende Stimmung des Vorgängers erreicht.

Der vorletzte Song nennt sich „Chocking“, Support komm dieses Mal von Marvin Game. Letztgenannter kam im Mai mit einer hörenswerten Free EP Namens „“Freust du dich schon“ um die Ecke, solte man sich mal geben. Beide zollen dem „Buffen“ ihren Tribut, eine Kiffer-Hymne der besonderen Art. Schöne Flows und eine chillige Hook setzen tolle Akzente. Der Abschlusssong „Mach kaputt“ möchte randalieren und kündigt Terror an der Bar an. Das ist Abriss mit Absicht. Das ist Sound für den Club, der eine innovative Hook beinhaltet und somit einen gelungenen Abschluss des Longplayers darstellt. Wer ab und zu meine Reviews verfolgt, wird erkennen, es wurden dieses Jahr schon häufiger Rap Acts lobend erwähnt. Der naheliegende Grund ist, das allgemein neuer und innovativer Stuff releast wird und die Künstler sich allgemein mehr trauen. Der Berliner schlägt mit „Gang“ eine ähnliche Richtung ein.

Fazit

Krasse Entwicklung, krasser Flow, phantastische Beats, passende Features – streetkredibil, smart und selbstsicher. So klingt der Nachfolger der #Overkill EP.Die Facetten seiner Songs reichen von Battle-Rap über sozialkritische Texte, aber auch vor allem Übertreibung spielt für ihn oft eine Rolle beim Musik machen. Der Künstler ist ein Rapper der klassischen Berliner Hip Hop Schule. Die internationalen Einflüsse von Übersee und aus Frankreich spiegeln sich in seinem Rap-Stil wieder und kreieren ein wesentliches Erkennungszeichen. Kleine Kritikpunkte für die Zukunft wären, eventuell manche Hooks anders zu gestalten, entweder durch Samples, Gastauftritte oder melodischeren Rap.

Es befinden sich keine unnötigen Songs auf dem Tonträger, aber plus minus 5 Songs weniger, hätten eine klarere Struktur vorgegeben und den Fokus auf das Wesentliche etwas erhöht. Das der Sprechgesangsvirtuose hohe Ziele verfolgt und die Szene übernehmen möchte, folgt nun noch eine kleine Kritik. Die nicht immer standesgemäße Reimtechnik könnte für die Zukunft etwas verfeinert werden. Für ein Debüt ist aber Jammern auf hohem Niveau. Der Rapper hat definitiv seine eigene Nische im Deutschrap Game gefunden, diese muss er nur noch zu Ende formen und seinen Status untermauern.

Stichwort Variabilität: reflektierend sagt er von sich „Ich wusste immer wie man jemandem auf die Fresse haut, aber ich wusste auch wie man Kant oder Nietzsche liest“. Ob doppeldeutige und tiefgründige Punchlines à la Berlin-Hau-Drauf-Attitude auf vorantreibenden Sounds oder metaphorische und kritische Umgebungsbeschreibungen auf new-schooligen Sample-Beats. Takt32 malt mit seiner Musik Bilder vom Banlieue und den Leuten und vergisst dabei nicht, dass es bei Rap neben Entertainment, immer auch um Kredibilität geht. Seien wir auf die Veröffentlichungen in 2016 gespannt. Man hört dass er seinen Rap lebt und keine weitere Ami-Kopie liefern möchte. Den Hörer erwartet eine Mischung aus Trap, Conscious sowie Battle Rap, Authentizität, französischen und USA Sounds. Diese Vielfalt schlägt sich in dem ganzen Release nieder: Raumklang, Beats, Features und Flow, alles durchdacht und spürbar mit Liebe und Hunger vollendet.

Tracklist (Limited Gang Edition)

01. Stolz das Problem zu sein
02. Kapitel 1
03. Hallelujah
04. Komma kla
05. Einer von uns
06. Kapitel 2
07. Jimi
08. Jack City Gang feat. FX
09. Dschungelfieber (Interlude)
10. Dschungelfieber
11. Auf der Jagd
12. Kapitel 3
13. La Haine
14. Keiner von uns
15. Ouech Ouech
16. Im Rausch feat. Liquit Walker
17. Ayo
18. Alles ist die Gang

BONUS
19. So hell 2 feat. Dizzech
20. Chocking feat. Marvin Game
21. Mach kaputt

Ausschließlich enthalten in der iTunes Deluxe-Version und in der Box-Edition beigelegten Premium-CD. Zusätzlich als Sahnehäubchen sind auch die kompletten Jumpa-Instrumentale dabei.

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