The Morricones: Melancholie bis zum Umfallen
Melancholie
Stil
Storytelling
Epik
Harmonie
4.4STERNE

Die „desperate men“ des Albums sind die Oberösterreicher Wolf Jacobi (Gesang, Gitarre), Chris Wiener (ebenso), Axel Mayr (Bass, D-Bass) und Franz Gelhart (Schlagzeug). Musikalisch siedeln sie zwischen Country, Rock, Alternative, Acoustic… Durch diese Mischung haben sie mit Tales Of The Wasteland ihr eigenes Western-Drama erzeugt.

Einstieg: High Noon. Die beiden Gegner beobachten sich, warten ab, was der andere tut. Bereits die ersten Minuten von Tales Of The Wasteland versetzen einen in den Westen. Flirrende Streicher, Totenglocken und spanische Gitarrenriffs sorgen für das glühend heiße, staubige Bild, das im Kopf entsteht. Die Reibeisenstimme von Wolf Jacobi tut ihr Übriges. Im Refrain von Dead Man Walk On ist die besungene Verzweiflung zum Greifen nahe. Durch den gezielt eingesetzten Spannungsverlauf erhält der Track eine epische Note, eine fesselnde Geschichte wird erzählt.

Sunny Cooper startet mit Melodiemustern am Banjo, der Track wird jedoch schnell rockig. Verstreut kommen immer wieder solche Klangfolgen vor, gegen Ende werden der Nummer Bläser hinzugefügt, die ursprünglichen Banjoeinspielungen werden ins Orientalische verzerrt. Ein Crossover aus Country, Orient und Rock entsteht, das mit Gitarrenriffs gespickt ist. Vom Refrain bleibt die erste Line in Erinnerung (vielleicht, weil dieser damit von der Textseite aus schon abgeschlossen ist) und bringt – verbunden mit der Musik – Tempo in das Album.

Oh, Sunny Cooper used to laugh a lot, being naked, she was dancing trough the rain.

Danach geht es ziemlich flott weiter. Davy Crockett startet mit einem schnellen Country-Motiv, bevor dem Song ruckartig das Tempo entzogen wird, nur um das Anfangsmotiv nach einer Strophe wieder anlaufen zu lassen. Das Album ist zurück im Westen: Geschildert wird die Geschichte Davy Crocketts während der texanischen Revolution (die Texaner forderten Unabhängigkeit von Mexiko), an deren Ende er als Volksheld verstarb. Schon klar, dass Crockett ein emotional perfekt besetztes lyrisches Ich für diesen Song von The Morricones abgibt.

Rock, gemischt mit musikalischen Western-Motiven, läutet die nächste Heldin ein: Cheyenne Lady. Der Song scheint ausschließlich aus eingängigen Riffs an Bass und Gitarre sowie gut gesetzten Breaks zu bestehen. Es ist der aggressivste Song des Albums, er wird aber genau dadurch mit einer gehörigen Portion Coolness präsentiert. Nach dem letzten Refrain – vom Schreien noch heiserer als sonst – kommt der Song durch Wiederholung des letzten Riffs einfach zum Stehen. Country-Rock wird auf die Spitze getrieben und bleibt genau da hängen.

Der Sprung zu den Gitarren-Sequenzen von Lobo ist gerade deswegen ein wenig gewagt. Vielleicht gibt es jedoch genau deshalb erst einen Break in der begleitenden Gitarre, bevor die zweite Sequenz zum eigentlichen Song führt… Die Rockballade befasst sich mit dem „worried mind“ eines Mannes, der durch ein harmonierendes Duett lebendig wird. Wichtig sind hier die rhythmischen Klatschmotive, die die Ballade hin und wieder unterbrechen und ihr so ein wenig die Schwermut nehmen. Überrascht wird man gegen Ende durch eine Textpassage in einer fremden Sprache, die dem Ritual des Songs gemäß mit einer Wiederholung das Lied abschließt.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der aufwändigen Gestaltung von Carter ist dieser Track der anstrengendste des Albums. Mehr als zwei Minuten dauert es, bis der Song durch einen Spannungsaufbau mit Gitarrenskalen und Bläser Interesse weckt. Die zweite Hälfte holt endlich mehr aus dem Song heraus und beweist, dass der Aufwand doch noch zu einem guten Ende führen kann.

Zu 100 Prozent tanzbar schleicht sich Yucatán in das Album. Nur mit Gitarre und Gesang ist es von der Instrumentierung her wohl der simpelste Song, was der Wirkung aber keinen Abbruch tut. Er startet gedämpft mit dem Knistern von Plattenspielermusik, was einen gewissen Flair schafft, bringt mit dem Backgroundgesang weiblicher Stimmen auf das Album und überzeugt mit sanften Gitarrenintermezzi.

Chasing the Sun fehlt ein wenig die Jagdstimmung. Der Song wartet zwar mit einigen gekonnten Modulationen auf und nimmt gegen Ende tonal eine überraschende Wendung. Dennoch ist der Refrain ein bisschen zu lasch eingesetzt, als dass der Titel wirklich überzeugen könnte. Eine gewisse Melancholie ist auch hier vorhanden, was sowohl durch die gewählte Tonart, das Arrangement, den Gesang als auch durch den Text zum Ausdruck kommt. Wer die die Enttäuschung über den Refrain vergessen kann, genießt das Feeling des besungenen Helden.

Vor den Epilog haben The Morricones das Duett Lullaby gestellt. Schlicht gehalten ist es ein echter Beweis ihres Könnens. Fünf Minuten Sehnsucht, verpackt in Gesang und Gitarre, keine Effekte. The Morricones spielen auch hier mit den Harmonien, die durch eine zweite Stimme entstehen können. Diese wird im Track von einer Frau interpretiert, was dem Song einen Touch mehr an Romantik gibt. Die alte Geschichte vom Liebeskummer kann jedenfalls jeder mit- beziehungsweise nachempfinden.

Das Album schließt, wie es angefangen hat. Mit Charles Bronson wird ein weiterer Westernheld mit musikalischen Motiven vorgestellt. Der Song kommt zwar nicht ganz an die Epik des Openers heran, jedoch nah genug, um charakteristisch für das Album zu sein. Man hört noch ein letztes Mal das Gefühl für die richtigen Details. Ebenso wie Dead Man Walk On lässt der Kern des Songs etwas auf sich warten – ohne das lange Vorspiel wären er aber nicht von den Morricones.

Die Scheibe präsentiert eine ganze Reihe bekannter Western-Themen sowie Persönlichkeiten aus dem Genre – insofern genau das, was der Titel Tales Of The Wasteland verspricht. Musikalisch geben The Morricones aber wesentlich mehr her, als nur bekannte Motive herauszukramen. Gerade die unterschiedlichen Einflüsse geben dem Album Pepp und führen dazu, dass das Hören kurzweilig bleibt. Mit teilweise altbekannten Motiven kreieren sie etwas Neues und versetzen den Western durch eigene Riffs in die heutige Zeit. Schöne Harmonien, gewürzt mit Melancholie und einer Prise Ironie sind immer wieder Ausgangspunkte und fesseln das Publikum auf beeindruckende Weise. Obwohl Dead Man Walk On im restlichen Album nicht an epischer Fülle übertroffen werden kann, gibt es auch nach Track 1 viele überzeugende Highlights. Ob durch Instrumente, Gesangsleistungen, Soli,… The Morricones lassen sich gerne Passendes einfallen.

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