Das Feuer löschen wollen Zugezogen Maskulin wie es aussieht nicht, höchstens noch ein wenig verbales Öl ins Feuer kippen …

Rap mit gesellschaftskritischem Subtext oder gar Inhalt ist zwar immer noch eher die Ausnahme, aber 2015 in der inzwischen quasi erblühten und angenehm differenzierten deutschen Raplandschaft auch nicht mehr das Ungeheuer von Loch Ness, von dem jeder gehört, aber das noch nie jemand gesehen hat. Grim104 und Testo, haben mit Ihrem Album „Kauft nicht bei Zugezogen“ 2011 schon durchschimmern lassen, dass Sie den Zeigefinger in Richtung Rapgame, gerne auch ein wenig ausweiten und der, aus Ihrer Sicht latent kaputten, Gesellschaft gleich auch noch vorhalten. Jetzt sind die zwei wieder da und haben mit Ihrer LP „Alles brennt“ die Kombination aus Pöbeln auf hohem Niveau und politischer bzw. gesellschaftlicher Seitenhiebe nicht nur verfeinert, sondern fast schon perfektioniert.

Bruderkrieg statt Kissenschlacht

„Und wünsch´ mir Cro als Headliner vom Splash / weil ich sicher bin, dass ich das Herz von irgendeinem Mos Def Fan zerbrech…“

Schon der titelgebende Opener „Alles brennt“ macht im ersten Part klar Schiff. Die Angst vor dem Männerkuss, die korrekte Wahl der Kleidung (Röhrenjeans anyone?) nur um wegen selbiger doch wieder vom Internetmob per Twitter zerlegt zu werden, die alte Leier mit der Tatsache „das früher alles besser war“, erst Recht als 8-Mile noch Style und Auftreten in der Szene geprägt hat, die beiden lassen nichts aus. Das alles auf einen Beat der, exemplarisch für das gesamte Album, immer elektronisch bleibt und viel Trap in sich hat, jedoch nie klassisch in Richtung Boom-Bap oder Samplesound rutscht. Durchgehend fast schon tanzbarer Sound und kompletter Verzicht auf Alibi-Raptracks. Konsequent!

„Plattenbau O.S.T.“ wartet dann mit der in der Eröffnung bereits angemerkten Doppelbödigkeit von Zugezogen Maskulin auf. Einerseits sicherlich eine klare und ehrliche Beschreibung der Um- und Zustände in der typischen, titelgebenden Plattenbausiedlung, schafft es Testo nie mitleidig zu sein, bezüglich der perspektivlosen Jugend. Wo andere Rapper einen Song über das unverdiente Struggeln geschaffen hätten und etwaig viele Probleme noch glorifizieren würden, ist „Plattenbau O.S.T.“ entsprechend kritisch.

Mit „Oranienplatz“ wird es dann brandaktuell. Wohlstandsbürger, die sich aus dem sicheren Sessel gerne als Weltverbesserer aufspielen, aber sobald Ihnen jemand vermeintlich den sicheren Platz am Kamin streitig machen will, ganz schnell am Stammtisch landen, sind kein neues Phänomen, aber mit diesem Thema ist man eben momentan am Puls der Zeit. Wenn in der Hookline in allerbester Punkmanier: „Wir hamm viel zu viel um euch was abzugeben!“ geschrien wird, trifft die klare Ansage zielsicher ins Schwarze. Die Taschentücher der Pegidateilnehmer liegen sicherlich schon bereit.

Harmonie als Illusion

Der Tatsache, dass man als (Neu)Berliner eine Sache quasi gar nicht umschiffen kann, nämlich die zunehmende Gentrifizierung der Hauptstadt, dem werden Grim und Testo dann mit „Agenturensohn“ gerecht. Die Doppelmoral, mit der in Berlin einerseits Toleranz zum, angeblich existenten, Standard erhoben wird, während in Wahrheit die eh schon am Rand existierenden Menschen, doch nur immer weiter ins Abseits geschoben werden, hat auf dem gesamten Album seinen festen Platz, aber die Thematik ist hier der sehr gut platzierte Fokus.

„Keine Angst vorm Hermannplatz, once upon a crime / doch Jungs mit schwarzen Haaren kommen auf deine Parties nicht rein / außer auf der Bühne, als Scheusal im Käfig / die Agenturensöhne massieren sich den Penis…“

Der rote Faden aus kritischen Statements, zieht sich auch durch den Rest des Albums. Ob überbordender Nationalstolz, inklusive seiner potentiellen Folgen, u.a. zur nächsten Fußballweltmeisterschaft („Endlich wieder Krieg“) oder gut eingedeutschter Rassismus („Monte Cruz“), es ist für jede Facette des Chaos in einer modernen Gesellschaft mindestens ein Punch übrig.

Zugezogen Maskulin haben mit „Alles brennt“ eine sehr stimmige LP abgeliefert. Die Trap- und Elektrobeats passen 100% zum Konzept und erfüllen mehr als nur Ihren Zweck, sind aber sicher für einige Ohren anstrengend zu hören. Das bleibt eben Geschmackssache. Auch das die Beiden oft gar nicht versuchen, auf Kosten des Inhalts, die Raptechnik in den Vordergrund zu rücken, mag der ein oder andere als Contra Argument anführen. Jedoch bleibt dabei niemals das Textniveau auf der Strecke und wo der Flow auf einen klassischen Beat vielleicht peinlich gewesen wäre, greift wieder das Beatkonzept, dass sehr oft verspielt und dann wieder abrupt abbrechend, genau dann das nötige Salz in die Suppe gibt, wenn Würze nötig ist. Lenin und Engels rotieren definitiv nicht im Sarg, sondern heben grüßend die Hand. Der Rest wendet sich angeekelt ab und Grim und Testo sind sicher ganz froh darüber.

Pictures by Philipp Gladsome

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