Von Nebelkanonen, Feuerwerk und ganz viel Confetti.

Wir waren letztes Wochenende am größten EDM-Festival Österreichs – dem Lake Festival am Schwarzl See in Unterpremstätten. Schon bei Betreten des Parkplatzes musste man feststellen, dass hier alle Probleme nur Luxusprobleme sind: Das Auto wird schmutzig, weil man über den vom Regen aufgeweichten Boden fahren muss und dann wird man auch noch nass. Fest steht, was hier über die Bühne ging, ist definitv groß und artig – alles was in der DJ Szene Rang und Namen hat, wurde auf jegliche Art und Weise angekarrt.

Versprechen über Versprechen

Was in den Vorankündigungen diverser Medien von Klaus Leutgeb – dem Veranstalter – prognostiziert wurde, glich so manch einem Wahlkampfversprechen. Die mit 100 Meter Laufweite geplante Hauptbühne musste nicht nur einige Meter einbüßen – auch bei der Beleuchtung wurden gute 50 Prozent eingespart. Während der Golden Circle-Bereich an vorderster Front und natürlich mit dementsprechend teuren Tickets bis zu den Abendstunden meist schlecht bis wenig besucht war, fristeten die Normal-Ticket-BesitzerInnen ihr Dasein ca. 100m weiter hinten am Wavebreaker. Besonderes Fremdschämen verursachte mit Abstand die Green Stage, welche als „eine Art Höhle“ vom Designer (dessen Namen ich nicht nennen möchte) persönlich angekündigt wurde und nichts geringeres war, als eine mit schwarzen Planen verkleidete Mini-Stage mit einigen größeren Pflanzen davor. Die Hardstyle-Stage konnte immerhin mit dem Charme eines Feuerwehrfest-Zeltes, dessen Boden zur Hälfte aus durch den Bass bebendem Holz und andererseits aus Sand bestand, glänzen.

„Put your fucking hands up…“

…ist nach diesem Wochenende mit Abstand der uns verhassteste Satz aller Zeiten, nicht nur da er in jedem Set von jedem Artist mindestens dreimal ins Mikrophon geplärrt wurde, sondern auch da das Englisch-Verständnis der FestivalianerInnen wie sehr oft bemerkt, kaum darüber hinaus ging. Regen Zuspruch fanden noch Worte wie „Austria“, „Graz“ und „You are amazing!“ Dass die „Persönlichkeiten“ auf der Bühne kaum eine Leistung erbrachten, außer Playlists abzuspielen, interessierte nicht – Hauptsache man war dabei, live am Selfiestick, um sich für Facebook zu verewigen. Dass die einzelnen Tracks so gut wie immer nach 30 Sekunden wechselten, um kurz darauffolgend eine Sprechpause für den DJ oder Benny Hörtnagl von Ö3 – der warum auch immer die Moderation zur sogenannten „Reise“ durchs Lake übernahm, einzuleiten, fiel vermutlich niemandem auf.

Hier wurde ebenfalls das Mitklatschen eingespielt, aber was Homer Simpson schon über eingespielte Lacher in Serien sagte: „…nur durch die eingespielten Lacher, lernt unser Volk was Humor ist.“ (Anm.: Diesen Satz kann man ruhig als versteckten Zynismus verstehen.)
Da um 12 Uhr Mittags die Party schon begann, war spätestens beim Main Act die Luft draußen. Getanzt wurde übrigens auch kaum, man beschränkte sich lieber darauf, die Hände in die Luft zu strecken. Bei den Hauptacts dominierten vor allem die zahlreichen Handybildschirme in der Masse, die von hinten betrachtet oftmals ein imposanteres Bild boten, als die asynchronen Visuals und die Live-Kameraübertragung.

„Big Four“ Days

Während uns an Tag eins strömender Regen dazu veranlasste, die Zeit im Bus zu verbringen, um das Set von Hardwell abzuwarten, war das Bar- und Security-Personal im Wavebreaker-Bereich und an den freistehenden Bars mehr als nur zu bedauern, denn sie hatten nicht einmal ein Dach über dem Kopf.
Wetter sowie Temperaturen sollten sich jedoch die kommenden Tage ändern – welch Glück für den Veranstalter – da es wahrscheinlich das einzige war, was er nicht kaufen konnte. Tag zwei wurde kurzfristig durch den Tod eines 17-jährigen Besuchers überschattet, der bereits am Mittwoch im See ertrunken war. Infolgedessen entschloss man sich dazu, ein allgemein gültiges Badeverbot auszusprechen – um vorzubeugen, wobei man kritisch betrachtet die Eigenverantwortung und Fremdverantwortung der Gäste gegenüber in Frage stellen sollte. Die mehr als bewegende Schweigeminute, ausgerufen durch Benny Hörtnagl, hinderte das Lake und die BesucherInnen allerdings nicht daran – einfach weiterzumachen.

Calvin Harris – der teuerste der Big 4 – beendete den Festivaltag der Mainstage und leitete zum Auftritt Steve Aokis in der Moonstage über, der sich wie gewohnt mehr auf dem Pult als hinter dem Pult wohlfühlte und zum Abschluss zehn Torten ins Publikum hinein „verteilte“.

Am dritten Tag boten Krewella ungewöhnliche Abwechslung mit einem Liveset bestehend aus Drums, Gitarre und den beiden Sängerinnen/DJanes. Anscheinend haben sie jedoch seit dem Verlust ihres DJs Probleme damit, ihren Stil zu finden, denn der merkwürdige Genremix war nicht unbedingt leichte Kost, dennoch um Welten besser als Avicii, der – wie uns Kollegen verraten haben – keinesfalls möchte, dass in der Kameraübertragung seine Hände am Mixer gezeigt werden. Robin Schulz, der anschließend die Halle der Moonstage fast gänzlich füllte, ließ auf sich warten. Es dauert eben auch eine halbe Stunde, um ein Macbook richtig anzustecken.

Tag 4: Der Gestank im Bereich der Mainstage war kaum erträglich. Das Gemisch von Kotze, Urin, und kalter Asche war kaum vergleichbar. Die Mobiltoiletten fielen, hoffentlich ohne lebenden Inhalt.
Die Waterstage mutierte am Samstag dank des Sonnenscheins endlich auch zum vollen Dancefloor. Nummern der 90er, beginnend bei den Backstreet Boys über die Spice Girls bis hin zu Helene Fischer sorgten schon am Nachmittag für ausgelassene Stimmung. Würde man es nicht besser wissen, könnte man sich durchaus im Grazer Univiertel befinden.

Gegen 20:00 Uhr bot Sander van Doorn zwischenzeitliche Abwechslung durch Techhouse-Klänge Marke Eigenbau, Watermät oder ähnliches. Nicky Romero tat sich immerhin noch die Mühe an, Effekte selbst einzuspielen und versuchte mit „If you’re happy and you know it clap your hands“ an die Kindheit zu erinnern. Ob er damit dem darauffolgenden Act David Guetta vorweggreifen wollte, ist nur eine Vermutung. Dieser ließ es sich allerdings auch nicht nehmen, diesen Klassiker noch einmal über die Turntables laufen zu lassen. David Guetta war ganz nebenbei der sympathischste der Big 4 und gefühlt auch der einzige, der sich diese Bühne verdient hatte. Er schien konzentriert an seiner Performance zu arbeiten, sparte sich die Animationssprüche ans Publikum und spielte ein breites Repertoire verschiedenster Genres.

Fazit

Was die Szene-Kapperl-Gesellschaft hier reizte, waren maßlos überteuerte Tickets, für maßlos überteuerte DJs, die maßlos übertriebene Sonderwünsche hatten und somit Vorbild für eine Generation Web 2.0 bilden, die sich vor lauter Überangebot dazu entschieden hat, musikalische Quantität statt Qualität zu konsumieren. Hier war alles BlingBling, BumBum und Brave New World – Hauptsache es gab genügend flüssiges Rauschmittel.

Verbrachte man seine Zeit nicht vor der Bühne, so konnte man sich im extra aufgebauten Vergnügungspark zwischen Bungee-Jumping, Autodrom und vielem mehr entscheiden. Das Geld konnte auf alle Fälle gut investiert werden, sei es für Bier um 5€, einen Cocktail um 9€ oder ein Hotdog um 6€. Auch wenn die Bühnenaufbauten weit nicht das boten, was versprochen wurde, so war der Sound bis auf der in der Moonstage durchaus gut. Die Sicherheitskontrollen hielten sich nicht nur in Grenzen, man durfte sogar Holzstäbe, Campingsessel etc. bis hin zur Bühne mitnehmen, auch Glasflaschen schafften es vereinzelt in den Golden Circle.

Die Infrastruktur war gut geplant, es gab keine Wartezeiten und man fühlte sich weder durch Zäune noch durch übermäßiges Wachpersonal eingeengt. Sieht man vom Unglücksfall des ersten Tages ab, beschränkten sich die Vorfälle aus polizeilicher Sicht auf kleinere Schlägereien und Diebstähle. Etwas frech gestaltete sich der VIP Parkplatz, an dem sich im Minutentakt Autos im Schlamm festfraßen, die nur mehr mit Hilfe eines Traktors herausgezogen werden konnten. Von den insgesamt erwarteten 140.000 BesucherInnen sind laut offizieller Angabe nur 120.000 erschienen, diese Schätzung halten wir allerdings für übertrieben. Aus finanzieller Sicht soll es sich nicht rentiert haben. Den Menschen schien es jedenfalls gefallen zu haben.

Was uns das Lake Festival in den kommenden vier Jahren bieten wird bleibt abzuwarten. Wir verabschieden uns hiermit mit Bomben und Granaten…nein, wie war das?
Nebelkanonen, Feuerwerk und ganz viel Confetti!

Eine Antwort

  1. Martin

    Die Ticketpreise fand ich noch ok… so ein Lineup muss auch finanziert werden… aber…

    …was halt gar nicht geht ist der Dreck – auch wenn es ein Festival ist: EDM ist nicht Wacken!
    EDM Festivals sind generell eine saubere Sache (ich besuche sehr viele davon).
    Der Gestank um den Wavebraker war unerträglich – der Platz muss mit Platten ausgelegt werden weil immer mit einem Schauer zu rechnen ist – der Foodcort war sehr versteckt, die kleinen Nebenbühnen unauffindbar (3x dort gewesen – 3x der einzige Zuhörer gewesen).
    Es gab nur einen Bankomaten, der nicht immer funktionierte und bis zu 2 Stunden Wartezeit… auch nicht das, was ich will, wenn ich Musik hören will.
    Das Feuerwerk am Ende war dann lustig.. waren es 2 oder 3 Raketen? Feuerwerk gehört dazu… ein Muss auf den Festivals!
    Die Künstler haben ihr Bestes gegeben… einige hatten nicht ihren besten Tag aber das gibt es immer wieder und kann nicht kritisiert werden – sind ja auch nur Menschen!

    Positiv erwähnen möchte ich alle Mitarbeiter die bis zum letzten Tag immer wirklich außerordentlich freundlich und zuvorkommend gewesen sind! Diese haben wirklich ein großes Lob verdient!

    Mein Fazit: Damit das Lake-Festival zu einem echten EDM Event wird, wo man nicht nur hin geht, weil es cool ist sondern weil es um die EDM Bewegung geht, muss noch ordentlich viel nachgebessert werden.

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