Ahoi! The Full Hit of Summer - Review über ein "Festival" zum Verlieben
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4.7STARS

„Ein Konzerterlebnis von epischer Schönheit“ auf die Beine stellen; das war das selbsterklärte Ziel der Hauptveranstalter (PSImusic, Posthof und LIVA), als sie mit der Planung eines neuen Ein-Tages-„Festivals“ im Winter das erste Mal für Aufsehen sorgten. Unter dem Namen „Ahoi! The Full Hit of Summer“ (kurz Ahoi!) ging der Konzerthöhepunkt des Jahres aller Fans von Indie, Darkwave, Ambient, New Age und gefühlten zwanzig weiteren Off-Mainstream Genres am Dienstag über die Bühne. Ein Review.

Ein eintägiges Festival an der wunderschönen Donaulände in Linz, dessen Veranstalter so gut wie alles bieten wollen, was die großen Festivals mittlerweile missen lassen und es deshalb als Anti-Festival promoten – natürlich muss ich mir das als Musikfanatiker geben. Höher könnten die Erwartungen allerdings kaum sein, wurde ich schließlich über die letzten Jahre hinweg zum größten Teil von Festivals enttäuscht und war das angekündigte Line-Up mit dem Anton Bruckner Streichquintett, Polica, Ásgeir, Beirut und Sigur Rós doch musikalisch hochwertigst. Wieder bloß ein weiterer Konzerttag, der lediglich durch gut klingende Namen im Line-Up brilliert?

EIN AREAL ZUM VERLIEBEN

Beginnen wir mit dem allseits bekannten, auf keinen Fall zu vernachlässigenden „Drumherum“ und damit am Beginn des Festivaltages, um 15:00. Wenn auch bereits leicht verregnet, finde ich ein ausgeklügeltes Gelände in nahezu kitschig romantischer Lage vor. Links vom kulturellen Mittelpunkt von Linz, dem Brucknerhaus, erstreckt sich über das Ufer der Donau ein Festival Areal, das sogar den dort befindlichen Park einschließt (inklusive Springbrunnen und Statuen). Idyllisch, gemütlich und dennoch irgendwie elegant – sehr passend zum Line-Up. Zwei gegenüberliegende Eingänge stellen einen kurzweiligen Einlass sicher und dienen zu dieser Zeit trotz ausverkaufter Tickets noch als stressfreie Treffpunkte, um sich mit Freunden und Bekannten zu verabreden. Von den Eingängen geht man nicht mehr als eine Minute zur Bühne (ja, es soll auch noch Festivals mit nur einer Bühne geben); man befindet sich quasi von Beginn an mitten im Publikum. Das Gelände ist aber auch als Gesamtes sehr überschaubar – es ist nahezu unmöglich, sich zu verlieren, und nach einem zehn minütigen Rundgang hat man mit Sicherheit alles gesehen. Es kommt schließlich nicht auf die Größe an – ein Leitsatz, der zumindest auf dieses Areal zu hundert Prozent zutrifft, denn was man dort vorfindet, hält absolut alle angekündigten Versprechen der Veranstalter:

Wenn auch preislich eher an der oberen Grenze des Erträglichen angesiedelt (zum Beispiel 7,90 Euro für ein Sandwich), ist die Auswahl und Qualität von Essen und Trinken groß und nicht zu kritisieren, vor allem unter Berücksichtigung der vergleichsweise niedrigen Ticketpreise von 59 Euro. Löst man sich erst einmal vom kulinarischen Angebot, erblickt man näher bei der Bühne jede Menge Dixie Klos. Aber nicht irgendwelche Dixie Klos. Es handelt sich hierbei um eine Schnösel-Ausgabe von herkömmlichen Dixie Klos. Keine Verätzung der Nasenschleimhaut beim Betreten, genügend Klopapier zu jeder Zeit, Spülfunktion inklusive. Und ja, sogar Händewaschen ist in den Dixies an der unteren Donaulände möglich. Doch damit nicht genug, versteckt sich im hintersten Bereich des Geländes ein Retro Klowagen in Form eines alten Busses, der schließlich auch ästhetische Hygieneträume erfüllt.

Das für mich herausstechendste Feature versteckt sich allerdings am vorderen rechten Ende des Areals: ein attraktionsreiches Zelt, ausschließlich für Kinder, das von den zahlreich erschienen Familien mit großer Freude genutzt wird.

Ahoi! The Full Hit of Summer

(c) Michael Bertl

Außerdem erwähnenswert sind gut positionierte Rotkreuz-Zelte und, in nicht allzu auffälliger Anzahl, engagierte PolizistInnen.

Was man im Falle einer Neuauflage 2017 allerdings besser machen könnte, wäre eine Verkürzung der doch langen Wartezeiten auf Speis und Trank (unter 20 Minuten ging da ab 17:00 wenig), eine Verbesserung der Parkmöglichkeiten, sowie eine Absprache mit den Linzer Öffis, die offensichtlich nichts von der Veranstaltung gewusst haben. Abgesehen davon muss ich aber sagen, dass es mit Abstand eines der bestorganisiertesten Festivals war, auf dem ich je war.

BANDS UND FANS ZUM VERLIEBEN

Mit dem Anton Bruckner Streichquintett wird der Konzertnachmittag stilvoll eröffnet. Während sich zum Beispiel das Nova Rock einer Blasmusikkapelle als Opener bedient (was dorthin auch wunderbar passt), gibt es beim Ahoi! klassische Musik am Beginn, die (ich muss es noch einmal sagen) einfach sitlvoll ist und perfekt als Einstimmung passt. Sie repräsentiert die Grundstimmung für die weiteren vier Bands und bespielt das bereits zirka zu einem Drittel volle Areal 45 Minuten lang.

Pünktlichst nach Time-Table um 16:10 beginnen dann Polica rund um Frontfrau Channy Leaneagh. Die US-Amerikaner liefern eine höchst sympathische, emotionale Show ab, die vor allem aufgrund der charismatischen Sängerin und ihrer zahlreichen eingängigen Refrains in Erinnerung bleibt. Alle Songs sind irgendwie düster, aber dennoch unglaublich treibend. Eine hochinteressante Mischung. Die Performance hinterlässt die Frage, wieso die Band nicht bekannter ist – das war wirklich große Klasse.

Vermutlich gleich unbekannt wie Polica ist Ásgeir, ein isländischer Singer/Songwriter und dritter Act des Tages. Seit neuestem auch auf Englisch singend, begeistert er mithilfe einer wirklich guten Live-Band auch jene, die ihn bis dato noch nicht kannten. Weniger synthlastig und zurückhaltender als Polica fällt es ungemein leicht, Gefallen an seinem Sound zu finden. Das mittlerweile gut gefüllte Gelände zeigt sich begeistert, wenn auch (noch) nicht tanzend.

Ahoi! The Full Hit of Summer

Ásgeir (c) Michael Bertl

Nachdem sich der Regen bis nach Ásgeirs Auftritt fast vollkommen zurückgehalten hat und zwischenzeitlich sogar die Sonne zu sehen war, kommt pünktlich zu Beirut das in der Vorhersage angekündigte Schlechtwetter auf. Die mittlerweile legendären Folkrocker aus den Vereinigten Staaten dürfen sich dennoch eines plötzlich komplett vollen Areals erfreuen und bedanken sich dafür weitaus öfter als zehn Mal. Mit vielen bekannten und ein paar weniger bekannten Songs bringen sie es zustande, dass nahezu alle BesucherInnen dem starken Regen trotzen.

Ahoi! The Full Hit of Summer

Beirut (c) Armin Rudelstorfer/thegap.at

Die Show ist keine spezielle, aber eine sehr solide, die zu keinem Zeitpunkt fad wird. Dies ist vor allem der ausgeklügelten Setlist zu verdanken, bei der Songs mit unterschiedlichsten Instrumentalisierungen hintereinander gereiht sind. Auffallend für nicht eingefleischte Beirut-Fans ist außerdem die durchgehend schlau gewählte Tonlage der Songs, die es Sänger Zach Condon ermöglicht, nie an seine Grenzen gehen zu müssen. Die Stimme bettet sich so zu jeder Zeit perfekt in den eher passiven Gesamtsound der Band und ergibt auf diese Weise eine besonders entspannende und doch zum Mitschunkeln anregende Stimmung.

Ahoi! The Full Hit of Summer

Beirut (c) Armin Rudelstorfer/thegap.at

Und ja, zu diesem Zeitpunkt sieht man bereits vermehrt Menschen tanzen. Es mag ein Klischee sein, dass österreichisches Publikum vergleichsweise fad und schwer zu begeistern ist, aber umso angenehmer fällt diese Weise der Kunstkonsumation an diesem Tag auf, da anscheinend alle Menschen, die die Musik an diesem Tag lieben, sich genauso rücksichtvoll wie zurückhaltend verhalten. Ja, es wird auch heute im Vergleich zu Festivals in anderen Ländern wenig geklatscht und geschrien, jedoch wird man nicht ein einziges Mal angerempelt oder blöd von der Seite angequatscht. Es gibt keine allzu betrunkenen Menschen, die sich untereinander oder andere nur im Entferntesten anfeinden und obendrein kann man auch um 21:00 Uhr noch auf sauber gehaltene Dixieklos gehen. Es ist also nicht bloß das alternative Veranstaltungskonzept, sondern es sind vor allem die BesucherInnen, die dem Wort „Festival“ an diesem Tag ein bisschen von seiner ursprünglichen Bedeutung wieder geben. Und es sind genau diese Menschen, die sich nach dem letzten Beirut Song dann doch noch zu „Zugabe“-Rufen motivieren lassen.

Nachdem der Regen langsam wieder weniger wird und die fleißigen Roadies von Sigur Rós langsam zum Ende der Umbauarbeiten kommen, stellt sich so manche/r die Frage, ob der Regen ein paar Menschen vertrieben hat, oder ob doch ein paar Leute mehr wegen Beirut als für Sigur Rós gekommen sind. Die von den Veranstaltern vor Beirut angekündigte Unwetterwarnung stellt sich nämlich als falsch heraus und da der Hauptact in fünf Minuten beginnt, sollte es doch mittlerweile wieder mindestens gleich kuschelig sein wie bei Beirut. Und siehe da, nachdem die Umbaulichter erlöschen, kommen tatsächlich einige wieder aus ihren Regenverstecken hervor. Dennoch: Ganz so voll, wie bei Beirut, wird es nicht mehr. Schade für die, die gegangen sind – sie verpassen etwas Wundervolles. Getragen von beeindruckendsten Visuals, die den Shows im Nightpark des Frequency Festivals um nichts nachstehen, liefern die wahrscheinlich mit- und herzzerreißendsten Crossover-Künstler der Welt ein Gesamtbild ab, das seinesgleichen wahrscheinlich ewig suchen muss.

Ahoi! The Full Hit of Summer

Sigur Rós (c) Armin Rudelstorfer/thegap.at

Auch, wenn Sigur Rós tatsächlich nur zu dritt hier sind und somit ihr gesamtes Live-Orchester zuhause gelassen haben, erschaffen sie Klangwelten, die sich vor Sphären nicht retten können. Im Mainstream-Musikkritiker-Jargon oft als „Soundgatsch“ abgetan, ist es genau diese Mischung aus mit Bogen gespielter E-Gitarre mit scheinbar endlosem Hall und meist hoher, wirklich hoher, Kopfstimme in nahezu perfektem Wechselspiel mit Falsettgesang, hinterlegt mit treibenden Drums und extrem auffettendem Bass, wegen der die Menschen hier sind. Natürlich muss man sich darauf einlassen, wenn man sich von Haus aus nicht für diese Art von Musik begeistern kann. Natürlich kann es sein, dass einem ein Sigur Rós Konzert langwierig vorkommen kann, wenn man kein Lied kennt. Aber die Mehrheit der Menschen hier würde sich gerne vor emotionaler Ergriffenheit ihrer Herzen entledigen. Heulen. Einfach vor Bewegtheit weinen. Und das, obwohl wahrscheinlich niemand auch nur ein einziges isländisches bzw. erfundenes Wort aus Jón Þór Birgissons Mund versteht.

Ahoi! The Full Hit of Summer

Sigur Rós (c) Armin Rudelstorfer/thegap.at

Sigur Rós ist das wahrscheinlich interessanteste Phänomen der Popularmusikwelt und sie beweisen jedes Mal aufs Neue, dass Musik keine Sprache braucht, um zu berühren. Bei der Musik der Isländer treffen Metal Fans auf Singer/Songwriter Verehrer und alle sind sich einig: Das ist einzigartig und das ist gut. So richtig gut. Und genau das ist es auch an diesem Abend, der pünktlich um 23:00 endet, nachdem eine insgesamt typisch österreichisch-zurückhaltende ZuhörerInnenschaft ihre isländischen Helden, mit einer doch eher blamablen Imitation des Siegesklatschens der isländischen Fußball Nationalmannschaft, zu immerhin zwei Verbeugungen verleiten kann.

Obwohl alle Bands an diesem Tag doch sehr unterschiedlich waren, war im Gegensatz zu den meisten anderen Festivals heutzutage ein roter Faden zu erkennen. Es waren vier Bands, mit denen alle KonzertgeherInnen vor Ort etwas anfangen haben können. Es war abwechslungsreich und hat dennoch zu jeder Zeit Sinn gemacht. Man hatte wirklich das Gefühl, dass die Veranstalter sich sehr viel beim Zusammenstellen des Line-Ups gedacht haben; anders, als das bei vielen größeren Festivals der Fall ist, wo mittlerweile der Krieg zwischen Bookingagenturen im Mittelpunkt steht.

Und dennoch war der Hauptgrund, wieso ich dieses Festival, das keines sein will, als bestes Festival meines Lebens bezeichnen will, ein bis jetzt nicht erwähnter.

TONTECHNIKER ZUM VERLIEBEN

Böse Zungen behaupten, die meisten Tontechniker seien gescheiterte Musiker. Ich weiß zwar nicht, wer bei welcher Band am Dienstag hinter den Reglern stand, jedoch ist mir der Background jeder dieser Personen herzlichst egal. Was die Herrschaften dort nämlich geleistet haben, war entweder ein Glücksfall from outta space oder hat die Maßstäbe dafür, was man sich von einem großen Open Air Festival soundtechnisch erwarten darf, in himmelhohe Höhen geschraubt. Spätestens beim zweiten Song jeder Band war der Klang so ausgewogen, als ob die Techniker zufällig eine „Perfect“ Taste an ihren Pulten gefunden hätten. Ja, man kann live Bands anscheinend auch so mischen, dass der Bass nicht die Magenwand durchbohrt, man ihn aber trotzdem hört. Ja, auch sanfte Stimmen können sich allem Anschein nach gegen laute Instrumente durchsetzen, ohne bei intensiveren Passagen dann zu laut zu sein. Anscheinend ist es auch tatsächlich möglich, alle Instrumente einer Band gleichzeitig zu hören. Und das alles unter freiem Himmel. Unglaublich eigentlich.

Liebes Ahoi! Festival, ich weiß, du willst kein Festival sein. Aber du solltest ein Festival sein wollen. Denn du bringst alles das zurück, was in den letzten fünfzehn Jahren bei Festivals irgendwo irgendwie verloren gegangen ist. Du setzt die Maßstäbe für Festivals neu, vom Drumherum über die Bandauswahl bis hin zur Tontechnik. Also dem, was eigentlich wirklich zählt – die Musik. Liebes Ahoi! Festival, ich weiß, du willst kein Festival sein. Aber es tut mir leid, für mich bist du eines. Und was für eines noch dazu. Ich glaube, ich habe mich verliebt.

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