Chapeau, Nu Forms Festival 2016
Organisation
Acts
Venue
Vielfalt
Atmo
4.5Gesamtwertung

Der Festivalrucksack weilt unberührt und halb verstaubt in der Ecke, das wunderbar-nostalgische Gefühl des Erlebten muss immerhin zur Gänze ausgeschöpft werden: Post-Festival-Depression, ahoi. Wir wagen dennoch einen Blick auf letztes, Drum and Bass-lastige Wochenende und lassen das Nu Forms Festival 2016 gedanklich ravend Revue passieren.

Nu Forms – neue Formen, neue Wege. Die Namensgebung des von Hauptorganisator Christian Lakatos ausgerichteten Festivals kommt nicht von ungefähr. Mittels neuer Kooperation mit Arcadia Live galt es, ein komplett neues Konzept auf die Beine zu stellen. Inoffiziell gilt: Was das ursprüngliche Urban Art Forms nicht mehr ist, soll das Nu Forms werden. Oder sogar mehr. Von 30. Juni bis 2. Juli wagte man diesen Versuch – mit durchschnittlich 6.000 Gästen pro Tag und durchwegs positiver Resonanz kann man von einer geglückten Premieren-Veranstaltung sprechen, so viel sei schon mal verraten.

Venue

Übermäßg viel Platz, leere Campingflächen und teils ausgedünnte Menschenmengen. Was im ersten Moment ernüchternd, fast festivaluntypisch klingen mag, bereitete dem Nu Forms-Besucher perfekte Konditionen für unkomplizierte Tagesabläufe. Schier endlos lange Warteschlangen? Keine Spur davon, auch was etwaiges Gedränge bei und vor den Bühnen oder überfüllte Zeltplätze betrifft. Für den gemeinen Festivalbesucher natürlich optimal, gar eine Wunschvorstellung – die dahingehenden „Vorteile“ seitens der Veranstalter seien allerdings dahingestellt. Die überschaubaren Raumdimensionen des nordburgenländischen Wiesen-Geländes bergen auf Publikumsseite dafür einen zusätzlichen Mehrwert: Eine nicht einmal annähernd der Rede werte Distanz zwischen den drei Bühnen FutureBeatz, Mainframe und SunAndBass und die zwar ohnehin bestehende, aber bekräftigte vertraute Stimmung innerhalb der Festivalgemeinde.

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Mainframe Stage, Festivalday One (c) Fabian Knabb

Grundsätzlich konnte das Venue auch in zahlreichen weiteren Gesichtspunkten überzeugen. Am Samstag schoss das Thermometer in eine Höhe, bei der sich so mancher den geliebäugelten Grazer Schwarzlsee herbeigewünscht haben dürfte. Verständlich, zumal das Freizeitzentrum südlich der steiermärkischen Landeshauptstadt drei Jahre lang als Location des „guten alte Urban Art Forms“ fungierte. Dem waldreichen Areal zu verdankende, schattige Plätze sorgten allerdings für herrlich klimatisierte Voraussetzungen. Neue, ebenfalls zum Komfort beitragende Errungenschaft am diesjährigen Konzeptausbau: Comfort Camping in Form von Holzhütten inklusive Rezeption und Betreuung, die für die (un-)nötige Portion Luxus sorgten.

Bühnenbildtechnisch ist der Visual Arts-Crew eine beachtliche Leistung geglückt. Insbesondere im Vergleich zu anderen D’n’B-Events nahm die Optik der Stages eine substanzielle Rolle ein und fiel überraschend imposant und multispektral aus.

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Imposantes Lichtspiel der Visual Arts-Crew 4youreye, Georg Stadlmann (Lightdesign) und LIVE Lasersystems (c) Fabian Knabb

All about that Drop

Die Prämisse einer erfolgreichen D’n’B-Performance bildet das erarbeitete Set – die vom DJ eigens konzipierte Abfolge von Tracks. Nachrangigkeit erfahren eher Show und Instrumentenarbeit, die bei Band-Konzerten wiederum mehr ins Gewicht fallen. Das A und O hier hingegen: der Drop. Der Moment, in dem zwischen unterschiedlichen Bass- und Rythmlines geswitcht wird, ist omnipotent und entscheidet gemeinsam mit einer geschickten Auswahl an Nummern für gewöhnlich darüber, ob ein Artist erfolgsgekrönt aus dem Ring steigt oder nicht. Die Kunst besteht demnach darin, das Programm auf die Bedürfnisse des Publikums zu adaptieren und einen geschickt platzierten, nahtlosen Übergang zwischen den einzelnen Tracks sicherzustellen.
Was die Auswahl an Artists anbelangt, war der Triumph der Veranstaltung absehbar. Schon im Vorfeld wurde das Line-Up sogar auf internationaler Ebene hinreichend gewürdigt, nicht zuletzt da gut zwei Drittel der geladenen Acts maßgeblich für das Prägen bahnbrechender Sounds und Stile bekannt sind. Das Programm überzeugte auch in seiner Umsetzung: Fest in der Szene verwurzelte Künstler und Könner, wie etwa Noisia, Calyx & Teebee, Andy C, Friction, Ed Rush & Optical drückten mit ihrem herausragenden „Know-How-To-Drop“ dem Gesamtbild ihren Stempel auf. Ebenso als Meister ihres Fachs gehandelte Interpreten: Foreign Beggars, die beeindruckende Rap-Skills an den Tag legten und für einen ebenso erinnerungswürdigen Moment sorgten, wie beispielsweise der britische Musikproduzent Sub Focus. Bei seinem clever konzeptualisierten Set erstrahlte das Publikum eines der wenigen Male an diesem Wochenende in einem Feuerzeug-Lichtermeer.

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Master of Ceremony – MC Daxta (c) Fabian Knabb

Cutting-Edge-Artists kamen mitunter in Form von Delta Heavy, Misanthrop & Phace und dem aus Linz stammenden Mefjus, der sich am Freitag die Turntables mit Emperor teilte. Heimische Unterstützung boten zudem Body & Soul, Snare & Capja, sowie Andreas Dreier aka MC Daxta. Letztgenannter konnte mit MC-Qualitäten überzeugen, die vor allem auf Bühnenpräsenz und einer gehörigen Ration Pathos gründen.

Schwerwiegende organisatorische Fauxpas blieben aus, nur: Einige unangekündigte, oder zumindest schlecht kommunizierte Verschiebungen im Timetable sorgten für haufenweise verdutzte Gesichter. Beim ursprünglich geplanten Auftritt von den aus Neuseeland eingeflogenen The Upbeats etwa blickten eine teils brüskierte Meute auf den Schriftzug von Bad Company, um letztlich doch das geniale Set des aus London stammenden Quartetts zu feiern. Im Vorteil waren, was das Durchdringen wesentlicher Infos  anbelangt, klar Social Media-affine Festivalbesucher. Sämtliche Announcements an die Hörerschaft wurden nämlich tatsächlich via Facebook weitergegeben, wobei eine kurze Durchsage oder Ankündigungen an den Eingängen wohl die sinnvollere Variante dargestellt hätten.

Fazit

Allgemein wurden die Ansprüche der Crowd merklich erfüllt, um in klangmäßiger Hinsicht ein Tamtam der besonderen Art zu gewährleisten. Aus einem qualitativ hochwertigen Line-Up resultieren dementsprechend glückliche Menschen, die auf ekstatische Weise dem Morgengrauen entgegenraven – was will man mehr. Am Ende des Tages lässt sich jedoch auch hier ein Kritikpunkt anführen, wenngleich damit zweifelsfrei „Sudern auf hohem Niveau“ betrieben wird: Die Vielfalt ließ schlichtweg zu wünschen übrig. Klar, das ganze Spektakel verfolgt nun mal einen auf diese spezielle Musikrichtung fokussierten Weg. Gewisse Muster mit Evergreens und vermeintlich hotten Newcomer-Nummern zeichneten sich dennoch ab, was in der Praxis teilweise in stumpfen und repetitiv wirkenden Sets endete. Paradebeispiel: Die Nummer Dead Limit von Noisia & The Upbeats. Eine fulminantes, nicht umsonst mit einem D’n’B-Award prämiertes Werk, von dem durch die Bank weg dann doch etwas zu viel Gebrauch gemacht wurde.

Festivals und Konzerte erfahren, wie viele andere Dinge im Leben, ihre Wertung erst dadurch, indem sie mit subjektiven Erfahrungen und Leitmotiven gekoppelt werden. Ansichten in puncto musikalischer Highlights und organisatorischer Umstände divergieren zwangsläufig. Beim Nu Forms kann man dennoch getrost und durchaus objektiv von einem überdurchschnittlich gut gelungenen und durchorganisierten Premieren-Event sprechen. Es bekräftigt außerdem einmal mehr die gesellschaftlich teils untergrabene, aber absolut vorhandene anspruchsvolle Seite elektronischer Musik. Zudem wird Österreich als bedeutungsvoller Schauplatz der D’n’B-Szene inszeniert – Chapeau, Nu Forms Festival. Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder um es in die gern genutzten Worte der Veranstalter zu verpacken: „NUF SAID.“

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