Im burgenländischen Wiesen gaben sich am Freitag die österreichische Pop-Elite und internationale Indie-Rock-Klassiker die Hand.

Wiesen wieder mal. Das wohl netteste Festivalgelände Österreichs bewies auch am Freitag wieder ausgezeichneten Geschmack und wartete den verschwitzten Zuschauermassen beim eintägigen „Harvest of Art“-Festival nicht nur aufregende Newcomer aus den Staaten, sondern auch gestandene Indie-Größen und die derzeit aufregendsten Bands Österreichs auf. Dabei präsentierte sich das Gelände rund um das charakteristische Bühnenzelt in einem neuen Look: Wände aus rostigen Stahlplatten, die mit Graffitis von legendären Musikern verziert wurden, die sich im burgenländischen Wiesen bereits die Ehre gaben und zwei riesige, aufblasbare Hände auf dem weißen Zeltdach, die den Eindruck erwecken, als ob sie die Plane für die Menschen davor öffnen würden. 400.000 Euro wurden angeblich in die Hand genommen um das Festivalgelände weg vom Woodstock-Look zu befördern. Und tatsächlich wirkt alles etwas moderner. An sympathischen Idyllen-Charme hat das Konzertgelände in Wiesen trotz alledem nicht verloren. Das Campen zwischen Apfelbäumen, das wild gemischte Publikum und die allgemein freundliche Stimmung der Menschen (sogar des Security-Personals!) erzeugten einen einzigartigen, zum Wohlfühlen einladenden Charme. Perfekt wäre es dann gewesen, wenn ein Bier zu humanen Preisen verkauft worden wäre. Doch mit diesem Gedanken hat wohl bereits jeder österreichische Festivalbesucher abgeschlossen. Verschmerzbar angesichts des vielversprechenden Line-Ups, bei welchem zum ersten Mal Wanda und Bilderbuch, die österreichischen Bands der Stunde, gelistet waren.

Hände Harvest of art

Wiesen präsentiert sich neu

Synthesizer und eine einsame Akustikgitarre

Unter den gesprayten Augen von Iggy Pop und Chuck Berry betrat um 14:30 Uhr allerdings erst einmal der österreichische Newcomer Inner Tongue als Opener die Wiesener Konzertbühne. Die schweren, synthielastigen Sounds des in Wien lebenden Musikers, dessen richtiger Name nicht bekannt ist, waren allerdings zu schwer für die sengende Hitze und die frühe Uhrzeit. Das spiegelte sich auch in der geringen Zuschauerzahl wider. So verfolgten nur wenige Festivalbesucher die auf atmosphärischer Dichte und vielen Klangflächen basierenden Musik von Inner Tongue, der von drei Musikern und einer Musikerin unterstützt wurde. Diese schienen aber keineswegs abgeneigt von den Klängen der Band zu sein und bei dem größten Hit „Fallen Empire“, der sich auch optimal für den „Drive“-Filmsoundtrack geeignet hätte, kam sogar etwas Bewegung in die auf zwei Händen abzählbaren Hörer vor der Bühne.

Bei Nathaniel Rateliff wuchs die kleine Menschentraube unter dem Festivalzelt. Der Singer/Songwriter aus Denver, Colorado, benötigte so gut wie keinen Soundcheck, da er nur alleine mit Akustikgitarre auf die Bühne schlurfte. Nach einem sympathischen Versuch, sich auf Deutsch vorzustellen ließ der charismatische, rundliche Mann mit Hut und langem Bart seine große, glasklare Stimme für sich sprechen. Die Gitarre fungierte dabei eher als sanfte Begleiterin und wurde dezent im Hintergrund vom tätowierten Sänger gespielt. Alles in allem ein netter Auftritt, der leider jedoch nur sehr wenig in Erinnerung blieb, was wohl auch der mangelnder Variabilität der Instrumentierung geschuldet sein durfte.

Amerikanische Front

Der aus dem tiefen Süden der USA stammende Curtis Harding durfte sich als Nächster beweisen. Die Fläche vor der Bühne war nun bereits anständig mit gut gelaunten Besuchern gefüllt. Harding und seine dreiköpfige Band, die sich allesamt so amerikanisch präsentieren, wie eine (Nicht-Country)-Band es nur sein kann, erwarteten also beste Voraussetzungen, was sie mit ihrem tief im Südstaaten-Blues verankerten Retro-Sound auch ordentlich ausnutzten. Die US-Truppe bewies, dass sie so gut wie jedes afroamerikanische Musikgenre mit der Muttermilch aufgesogen haben. Vom Blues und Soul bis hin zu Funk und Disco war so gut wie alles vertreten. Dass „Ain’t no Sunshine“ ebenso wenig fehlen durfte wie die Marvin-Gaye-Gedächtnis(kopf)stimme, sollte in diesem Kontext klar sein. Doch auch die frühen Kings of Leon schauten mit ihrem dreckigen Südstaaten-Rock öfters um die Ecke. Insgesamt ein rundum gelungener Auftritt dieser Old-School-US-Soul-Band, der Lust auf mehr machte. Nicht umsonst zählt Jack White zu den Bewunderern von Curtis Harding.

Curtis Harding_Harvest of Art

Cool mit Soul: Curtis Harding

Es blieb amerikanisch, auch wenn die Farbe gewechselt wurde. Mit ihrem collegehaften Power-Pop distanzierten sich die Indie-Pop/Rocker von Nada Surf von der klassisch afroamerikanischen Musik, wollten aber weiter die tolle Stimmung im Publikum aufrecht erhalten. Zum größten Teil gelang das den mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen New Yorkern auch. Die Band rund um Matthew Caws, dem Mann mit der ewig jungen Stimme, sorgten mit ihrem intelligenten Alternative-Pop für den passenden Soundtrack zu dem sich langsam ankündigenden Sonnenuntergang. Sehr hübsch und sehr nett war das, aber doch auch immer recht harmlos und handzahm wirkend. Nada Surf spielten sich mit viel Leidenschaft durch ihr Set, jedoch wirken sie live, ebenso wie auf ihren Alben, wie eine Gruppe, die gerne eine Rockband wäre, aber dafür schlicht und einfach viel zu nett ist. Dem Bassisten Daniel Lorca, der sich wie ein modernerer Jack Sparrow präsentiert (inklusive Torkeln), kann das wohl kaum geschuldet sein. Er ist nämlich eindeutig der nach Bier riechende Rockstar der Band, der seinen Bass ohnehin so spielt und seine Dreads so schwingt, als ob er mit Hardrockern die Bühne teilen würde. Mit „Blankest Year“ werden die Spätvierziger dann doch noch kurz zur Feste feiernden Rockband und entlassen das Publikum mit „Oh fuck it, I’m gonna have a party“-Chören in die schwüle Abendsonne.

Auftritt der „Party-Band“

Ob sie es wussten oder nicht, Nada Surf spielten das perfekte Abschiedslied, denn mit Wanda stand dann tatsächlich die Party vor der Tür. Mit nett und liebevoll war es nun vorübergehend mal vorbei. Die Wiener versprühten mit ihrem alkoholdurchtränkten, räudigen Austro-Indie-Rock echtes Startum. Bereits beim Soundcheck musste Sänger Marco Michael die tobende Masse bändigen: „Das ist nur eine Klangprobe. Bitte umdrehen und Bier trinken“. Als die fünf Jungs dann endlich mit „Luzia“ loslegten, gab es kein Halten mehr.

Wanda_Harvest of Art

Das (heimliche) Highlight des Festivaltages: Wanda

Schwer zu sagen, wer den Auftritt mehr genoss, die jubelnde und feiernde Menge oder die grinsenden und feiernden Musiker. Auch schwer zu sagen, wer mehr „getankt“ hatte. Am Ende des Konzertes dürften es wohl die durchgeschwitzten Wiener gewesen sein, da war nämlich die Whiskey-Flasche, die die Musiker beim Soundcheck öffneten, endgültig geleert. Dass man den Vergleich mit Oasis als weit hergeholt betrachten möchte, ist durchaus legitim, doch gibt es etwas in Wandas Musik und Auftreten, das an die rüpeligen Briten denken lässt. Diese sympathische Arroganz, das Bierselige und die hohe Melodiösität haben bereits die Gallagher-Brüder ausgezeichnet. Das Set der Band der Stunde bestand aus beinahe allen Songs des hoch gelobten Debütalbums „Amore“ und aus zwei Songs vom im Herbst erscheinenden Nachfolgealbum. Die Band konnte es nicht fassen, dass die Masse beide Songs bereits auswendig mitsingen konnte. Dass die Leute das neue „Meine beiden Schwestern“ beinahe so euphorisch besangen wie das grandiose „Bologna“, ist in der Tat höchst erstaunlich und zeugt von der treuen Fanbase der Band. Wanda geben und nehmen. Sie fordern viel von der Menge, entlohnen sie aber mit vollem Einsatz und ganz viel Amore. Dass dabei aufgeblasene Kondome durch die Luft flatterten passte ausgezeichnet zu Marco Michaels eindeutigen Hüftschwüngen. Insgesamt ein erstklassiger Auftritt von einer großartigen Band, der an diesem Abend nicht mehr getoppt werden konnte. Und wer sich beim Crowdsurfen eine Tschick und zwei Meter weiter Feuer erschnorrt wie Rampensau Marco Michael, ist ohnehin ein ganz Großer.

Alte Hasen und junges Blut zum Abschluss

Nachdem Wanda die Bühne verlassen hatte, lichtete es sich etwas vor der Bühne und man hatte den Eindruck, dass der Höhepunkt des musikalischen Tages bereits erreicht wurde. In dieses Szenario wurde Belle and Sebastian losgelassen. Man hätte sie vielleicht besser nach Nada Surf platzieren sollen, trotzdem lieferten sie einen starken Auftritt ab. Bandchef Stuart Murdoch teilte mit 12 Leuten die Bühne, vier Streicher und ein Bläser inklusive. Ab dem ersten Moment versprühten die Musiker diese besondere Atmosphäre, die irgendwo zwischen zuckersüß und märchenhaft angesiedelt ist, der aber trotzdem eine einzigartige Melancholie und Ironie innewohnt. Der tanzbare Indie-Pop der schottischen Band bekam live noch einen zusätzlichen Druck und Groove verliehen und so wirkten sie rockiger als ursprünglich erwartet. Es war ein höchst sympathischer Auftritt mit vielen Klassikern wie „Sleep The Clock Around“ und „The Boy With The Arab Strap“, aber auch vielen neue potentiellen Hits vom kürzlich erschienen Album „Girls in Peacetime Want to Dance“. Und dass Stuart Murdoch immer noch mindestens genau so süß tanzt wie der unvergessliche Dewey aus Malcolm Mittendrin, sorgte für zusätzliche Bonuspunkte.

Zuckersüß wurde es hingegen beim Headliner Bilderbuch maximal, als sie ihren Ohrwurm „Softdrink“ anstimmten. Die vielleicht altersmäßig jüngste Band des Tages wirkte dermaßen abgebrüht und exaltiert, dass man ihnen ihre wenigen Lebensjahre kaum abnehmen würde, würde man nicht ihre doch noch jungen Gesichter auf der Bühne schwitzen sehen. Bilderbuch, die neuen Trendsetter der heimischen Musiklandschaft, sowohl was das Musikalische wie auch das Styling betrifft, lieferten eine energiegeladene und perfekt inszenierte Show. Gaben sich Wanda wenige Stunden zuvor noch erdig und publikumsnah, wirkten Bilderbuch mit ihrer Mischung aus Hip-Hop, Progressive-Rock und Pop viel distanzierter und artifizieller. Den Charme der mittlerweile in Wien lebenden Musiker machen zum großen Teil Dinge aus, die vor wenigen Jahren noch als Inbegriff der Uncoolness galten: weite goldene Hosen, kurzärmelige Partyhemden wie frisch aus den 80ern und 90ern importiert, schrille Farben, Transistorverstärker, digitale Percussioninstrumente, Samples usw. Doch Trendsetter wurden immer schon jene, die etwas Anderes machten. Bilderbuch bewiesen am Harvest of Art, dass ihr neues Album „Schick Schock“ heuer völlig zu recht durch die Decke ging und auch live bestens funktioniert. Dem gerammelt vollem Wiesener Festivalzelt gefiel es, auch wenn die Stimmung insgesamt nicht so ausgelassen wirkte wie noch bei Wanda (das von gefühlten 20.000 Stimmen gesungene „Maschin“ mal ausgenommen). Ein letztes Highlight lieferten Bilderbuch dann noch mit ihrem Hit „OM“ und beendeten somit einen grandiosen Musiktag, der für jeden etwas beinhaltete. Die Atmosphäre, die dieses Festivalgelände ausstrahlt, ist einfach etwas Spezielles. Klasse Musik und eine gemütliche, entspannte Stimmung fernab von Stress und Hetze. Wiesen halt wieder mal.

Bilderbuch_Harvest of Art

Viel Gold: Bilderbuch machten den Abschluss

Fotocredits: FB Wiesen-Festivals.at, FB Wanda, FB Bilderbuch, FB Curtis Harding

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