Zum zehnten Mal zelebrierten Publikum, Veranstalter und Musiker beim heurigen Acoustic Lakeside ein einmaliges Festival vor einer besonderen Kulisse.

Das Acoustic Lakeside hat sich in den Jahren seit seiner ersten Auflage 2006 wahrlich als einzigartiges Juwel der österreichischen Festivalszene erwiesen. Auch 2015 gab es dafür wieder eine Reihe von optimalen Ausgangsbedingungen: Man wird samt Gepäck von einem Traktor-Shuttle zum Zeltplatz chauffiert, die zweite Bühne ohne Bühne befindet sich direkt am See, die Künstler mischen sich entspannt wie sonst nirgends unters Publikum und es gibt sicher kein Festival mit netteren Türstehern. Vor allem hat man aber die Chance, erlesene Bands und SolokünstlerInnen mit akustischen Sets zu erleben, was bei einigen davon absoluten Seltenheitswert hat.

Regen & Schokolade

Acoustic Lakeside_Dear Reader

Dear Reader überstanden den Regen gut gelaunt

Am Freitag eröffnet der britische Singer/Songwriter Charlie Cunningham am frühen Nachmittag den Konzertreigen. Ein Mann, eine Gitarre, ein unverschämt britischer Akzent – ein würdiger Beginn des ersten offiziellen Festivaltages. Als danach die südafrikanische Indie-Pop-Band Dear Reader mit mehrstimmigem Gesang einsetzt, beginnt es wie aus Kübeln zu schütten. Der Auftritt muss daraufhin abgebrochen werden und wird nach einer Stunde auf der Wiese fortgesetzt. Je besser das Wetter dann wieder wird, desto mehr zieht es einen direkt ans Ufer des Sonnegger Sees, wo das Jack Daniel’s Campfire bei gemütlicher Lagerfeuer-Atmosphäre zwischen den Gigs auf der Hauptbühne weitere Schmankerln anbietet. Dort gibt es am Freitag gleich zwei Grazer Acts hintereinander: Zuerst die Bedroom Chocolates, die mit Streichersektion ihre Indie-Folk-Pop-Songs über den See klingen lassen und nicht nur durch ein Tänzchen des Sängers mit dem Publikum viele Sympathiepunkte sammeln können. Danach lockte Philipp Szalay, das Mastermind von Farewell Dear Ghost, ordentlich viele Leute zum Campfire und bewies, dass seine Songs auch in sehr reduzierter Form funktionieren.

Die Schweden & der Prinz

Acoustic Lakeside Friska Viljor

Friska Viljor sorgten für glückliche Gesichter

Anschließend ging es hurtig weiter zur Hauptbühne, wo sich zwei Herren ganz in weiß gekleidet auf die Bühne begaben, um die Menge zum Tanzen zu bringen. Ja, die Songs von Friska Viljor schießen auch akustisch dargeboten direkt in die Beine, die dann nicht mehr stillstehen wollen. Daniel Johansson und Joakim Sveningsson, die bereits 2008 am Sonnegger See dabei waren, packten unter anderem die Mandoline aus und verkörpern das Lakeside-Feeling vor einem gutgelaunten Publikum perfekt. Danach wurde es etwas weniger leicht zugänglich, aber dennoch besonders spektakulär. Der Auftritt von Bonnie ‚Prince‘ Billy in der Kärntner Provinz galt schon vorab als Sensationscoup der Festivalorganisatoren. Will Oldham, der sich mit vielen verschiedenen Bandprojekten und einem rätselhaften Image umgibt, betritt die Bühne mit einer hochkarätigen Band inklusive Saxofon und zelebriert seinen Alternative Country zwei Stunden lang, wobei er häufig vom Blatt spielt. Nach einem langen, anstrengenden Festivaltag bekommt diese recht schwere Kost nicht jedem im Publikum gleichermaßen gut. Der exzentrische Vogel scheint seinen Auftritt aber dennoch zu genießen und gibt zu vorgerückter Stunde auch noch gerne drei Zugaben.

Tag 2 am See

Nachdem das Aufwachprogramm am Samstag mit Frank Spilker nachdenklich und mit dem Gösselsdorfer Trio zünftig absolviert wurde, sind einige Zuseher beim ersten Gig auf der Hauptbühne schon wieder fit genug zum Tanzen. Das kann man zum Akustikset von :aexattack aber auch wirklich gut. Später folgt mit Inner Tongue dann auch schon der zweite österreichische Act an diesem Tag und hüllt seine Electronica-Pop-Nummern in ein neues akustischeres Kleid. Danach betritt mit Aurora eine elfenhaft zarte Norwegerin die Bühne, die mit ihrer starken Stimme für Gänsehautmomente bei 30 Grad sorgt. Nach jedem Song scheint sie von Neuem überrascht darüber, dass da vor der Bühne tatsächlich Menschen stehen und ihr zujubeln. Begleitet von einem Gitarristen liefert die 19-jährige Senkrechtstarterin eine intensive Performance ab und erweist sich als äußerst sympathisch. Das alles sei noch ziemlich neu für sie, sagt sie bescheiden und das Publikum schickt ihr ganz viel Liebe auf die Bühne.

Noch mehr österreichische Acts

Acoustic Lakeside_Campfire

Lagerfeuer-Romantik beim Jack Daniel’s Campfire

Bei Nowhere Train, die gerne als Allstar-Band bezeichnet werden, für ihr Country-Album „Tape“ viel Lob einheimsten und zu siebent die Bühne entern, sind die Erwartungen dann dementsprechend hoch. Doch das ganze bleibt dann recht harmlos, ein bisschen mehr Schmackes hätte viele im Publikum sicher noch zum Aufstehen und Mittanzen gebracht. So bleibt im Nachhinein ein etwas blasses „Naja“ in Erinnerung an diesen Auftritt zurück. Anschließend geht es nochmals mit einer heimischen Band weiter. Man ist gespannt, wie Olympique ihre sonst doch sehr monumentalen Klangwelten akustisch umsetzen werden und wie die Band den Ausstieg von Keyboarder Leo Scheichenost vor knapp einem Monat weggesteckt hat. Das Acoustic-Barometer im Festivalguide vergibt für Olympique fünf von fünf Vögelchen, in Worten: „Allerhöchster Seltenheitswert! Pure akustische Extraanfertigung.“ Zu diesem Zweck hat sich Fabian Woschnagg gleich mal vier Gitarren mitgebracht. Nummern wie „Ivory“ oder „Face Down The Earth“ gehen in dieser sehr reduzierten Variante sehr unter die Haut, bei anderen Songs vermisst man die volle Instrumentierung als großer Fan dann doch etwas. Doch Woschnagg füllt diesen Leerraum mit seiner stimmlichen Größe fast ganz aus, das Publikum singt dabei auch gerne mit.

Auf der Zielgeraden

Vor dem Auftritt der Pop-Rocker AnnenMayKantereit wird es vor der Bühne recht eng, vor allem junge Damen versammeln sich aufgeregt, um die verwegen tiefe Stimme von Henning May aus nächster Nähe genießen zu können. Pünktlich zum ersten Song beginnt es dann heftigst zu schütten, das Publikum feiert und tanzt dennoch ausgelassen. Die vier Kölner schaffen es ausgezeichnet, das Lebensgefühl der frühen Zwanziger inklusive WG-Alltag, Liebeswirren und ungewisser Zukunft in deutschsprachige Songs zu verpacken. Das Publikum dankt mit bester Laune, die Band performt ausgelassen. Am Ende schreit fast jeder „Und du wirst 21, 22, 23 und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst“ mit und May verteilt nach dem Auftritt Setlists an glückliche Mädels in der ersten Reihe. Wegen des Regens wird der Auftritt der Lakeside-Veteranen Art Brut vom Campfire am See in die Halle verlegt, die sich schnell mit durchnässten Zusehern füllt. In gewohnter Manier schreit dort ein überdrehter Eddie Argos nicht nur „Formed a Band“ und „Emily Kane“ ins Mikro, sondern erzählt auch davon, wie es ist, ein Van-Gogh-Bild abzuschlecken. Weil er das Acoustic Lakeside für das beste Festival der Welt hält und heuer die 10. Ausgabe gefeiert wird, tanzt und singt er schließlich sogar mit den Organisatoren zusammen auf der Bühne.

Zum Abschluss gibt es ein Wiedersehen mit Nada Surf, die auf bereits 23 Jahre Bandgeschichte zurückblicken können und schon 2010 und 2012 hier ein Gastspiel gaben. Die Songs der New Yorker sind herzerwärmend, was auch wirklich guttut, wenn einem der Regen langsam in die Knochen kriecht. Dennoch wirken die New Yorker vielleicht einen Tick zu brav und sanft, was wohl auch am Akustikset liegt, bei dem alle brav auf Hockern sitzen.

Ein herzliches Fazit

Acoustic Lakeside_Kostüme

Jedes Festival braucht seine schrägen Vögel

Man blickt also glücklich zurück auf zwei Tage, in denen Publikum, Veranstalter und Künstler zusammen vor malerischer Kulisse dem Wetter getrotzt und ein ausgelassenes Fest der akustischen Musik gefeiert haben. Viele Musiker betonten, wie besonders es ist, auf diesem idyllischen Festivalgelände aufzutreten und wie wohl sie sich hier fühlen. Ein Kollege von mir hat die Ottakringer Arena in Wiesen einmal als das „wohl netteste Festivalgelände Österreichs“ beschrieben. Wäre er schon mal am Acoustic Lakeside gewesen, hätte er das so sicher nicht gesagt. Unter das Publikum hier mischen sich hier sogar Eltern mit kleinen Kindern, die sichtlich erfreut am See spielen und zur Musik tanzen. Den Veranstaltern, die 2006 erstmals nach Sittersdorf einluden, gelingt seit dem jedes Jahr ein ganz besonderes Festival, bei dem man sich wie bei Freunden fühlt. „Fall in love with the lakeside“ steht auf T-Shirts und Bannern. Ja, jedes Jahr gerne wieder!

Photocredits: Acoustic Lakeside

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