Nova Rock 2017 – Adieu, Sonnenstich; Ahoi, Post-Festival-Depression
Abwechslung
Line-Up
Sound-Qualität
Location
Organisation
4.0STERNE

Das Nova Rock Festival 2017 fand vom 15. Juni bis zum 17. Juni 2017 statt. Ein Rückblick

225.000 Besucher, Staub, Hitze, viel zu viel Bier und ein verdammt gutes Line-Up machten das alljährliche Rock-Festival unvergesslich.

Dienstag – 15. Juni 2017 – „early camping“?

Gut, das Nova Rock Festival startete erst am Mittwoch dem 14. Juni 2017, aber was aus langjähriger Festival-Erfahrung mitgenommen werden konnte, ist, dass es grundsätzlich immer angenehmer ist, einen Tag vor dem angedachten Anreisetag Zelte aufzustellen – und so auch dieses Jahr. Zu Mittag ging es mit der Vorstellung, am frühen Nachmittag bereits vor dem goldenen Festival-Eingang zu warten, los. Eingetroffen ist diese Wunschvorstellung leider nicht – bis 17.30 Uhr durften die „Frühstarter“ während unerträglicher Hitze im Stau warten – Campingsesseln wurden aufgestellt, die ersten Biere geöffnet; alles halb so wild, heute kann keine Lieblingsband verpasst werden. In Zeiten des Terrors müssen ab und an ein paar Minuten mehr in Anspruch genommen werden. Ein Problem bahnte sich dennoch an: Wo zur Hölle sind die Toiletten? Als ein Mädchen aus einem benachbarten Auto davon berichtete, in der Wiese von sage und schreibe vier (!) Zecken gebissen worden zu sein, erzeugte das schiere Angst und das Bier wurde viel mehr zum Feind als zum Freund. Zum Glück aller löste sich der Stau auf, bevor es allzu knapp wurde. Es waren nur noch wenige Schritte zu den goldenen Toren des Festivals. Doch auch zu Fuß kam der treue Wegbegleiter namens Stau nicht abhanden – zwei weitere Stunden durfte in der Menschenmenge gewartet werden – so viel zum Thema „early camping“. Die Tatsache, so lange zu warten, war mehr als paradox, denn kontrolliert wurde wenig bis gar nicht. Nichtsdestotrotz wurden fragwürdige Kontrollen und Gedränge erfolgreich überlebt. Gegen 19.30 Uhr, sprich sechs Stunden später, konnten endlich Zelte aufgebaut werden. Die unmittelbaren Nachbarn wurden ausgeforscht, Freundschaften geschlossen, das Trockeneis war frisch und das Bier hat noch geschmeckt – bereit für Nova Rock.

Mittwoch – 16. Juni 2017 – Was ist das für eine Hitze?

07:00 Uhr in der Früh: Im Zelt ist es unerträglich heiß – oh, draußen anscheinend nicht viel besser. Unser Pavillon steht noch nicht und ein weiteres Zelt muss noch aufgebaut werden. Dass das Aufbauen zur Mittagshitze noch zum Problem werden würde, wird sich jedoch erst am Donnerstag herausstellen. Nach zwei, drei Bier, dem Eintreffen aller Freunde konnte uns auch nichts mehr daran hindern, das Festivalareal zu erforschen und die erste Band zu besuchen. Im Vergleich zum letzten Jahr hat sich das Venue nicht viel verändert. Das kulinarische Angebot wurde nicht vielseitiger, die Duschen taten ihren Zweck und es konnte so gut wie möglich vermieden werden, ein Dixi-Klo zu besuchen. Die Sonne ließ endlich nach und um 21.00 Uhr war es so weit. Five Finger Death Punch warteten bereits in ihren Startlöchern, doch das mit einer unerwarteten Überraschung – der eigentliche Sänger der amerikanischen Metal-Band Ivan Moody ließ sich nicht blicken. Er wurde von Tommy Vext dem Frontmann der Band Bad Wolves tatkräftig ersetzt. Moody leidet offiziell wieder an Drogenproblemen, weshalb Five Finger Death Punch die Europa-Tournee mit Vext abschließen werden. Das störte das Publikum jedoch herzlich wenig: Die amerikanische Formation heizte mit Hits wie „Lift Me Up“ und „Jekyll and Hyde“ dem Publikum ordentlich ein und zu „Burn MF“ wurde lautstark mitgesungen. Und auch auf musikalischer Ebene konnte Vext durch eine verblüffende sprachliche Ähnlichkeit und keine namhaften Fehlern strahlen.
Dass sich Linkin Park über die Jahre immer mehr zu seiner „Soft-Pop-Band“ entwickelt und mehr Ähnlichkeit mit den Back Street Boys als ihren alten Songs haben, ist wohl nichts Neues: Aus Gitarren-Einlagen wurden EDM-Parts und eingefleischte Fans können sich schwer mit neuen Scheiben anfreunden. Das hat sich auch während dem Konzert bemerkbar gemacht. Die Show der Amerikaner begann bereits mit neueren Songs wie „Fallout“, „Talking to Myslef“ und „The Catalyst“. Mit „New Devide“ wurde das zweite Drittel des Konzerts, das überwiegend aus alten Songs bestand, eingeleitet. Von „Leave Out All The Rest“ über „Crawling“ als Piano-Version bis hin zu „Faint“ wurde jeder erdenkliche Hit einwandfrei performt. Auch wenn Linkin Park zwar musikalisch on top waren und es spürbar war, dass mehr Liebe an alten Scheiben hängt, konnte die Formation ihre Fans wenig motivieren und hat dadurch leider einen eher eintönigen Eindruck hinterlassen.
Überraschend (aber verdient) gut war Fatboy Slim, der Latenight-Act. Womöglich die beste Show des Mittwochs. Persönlich war nicht Fatboy Slims Schaffen Hauptgrund, weshalb er als Latnightact angesiedelt war, sondern allein die Tatsache, Metal-Heads zu EDM tanzen zu sehen. Fatboy Slim hat mit der zu dem Line-Up gegensätzlichen Musik einen besonders angenehmen Ausgleich zu den vorherigen Shows erzeugt.

Donnerstag – 17. Juni 2017 – Hilfe, Sonnenstich

Der Tag begann schlechter als erwartet – Kopfweh, Bauchweh und Übelkeit; Hallo Sonnenstich. Wasser, Tabletten und noch immer kein Kopfweh-Ende in Sicht. Für Me First and The Gimme Gimmes konnte trotz Hitze und Schmerz genug Kraft gesammelt und der schattige Campingplatz konnte langsam aber doch verlassen werden. Die kalifornische Formation nahm sich kein Blatt vor den Mund und stand dazu, dass sie eine Coverband ist, nein, DIE Coverband ist, was sie auch lautstark verkündeten: „We’re a cover band. We’re the cover band. The next song is a cover“. Bereits der zweite Song war der bekannte Beach-Boys-Hit „Sloop John B“. Aber auch Songs, die an und für sich nur zu später Stunde auf schlechten Partys erklingen, darunter „Take Me Home, Country Roads“ oder „Jolene“, wurden von den Jungs in den rot-weißen Anzügen als durchaus hörbare Covers präsentiert. Zu aller Freude des deutschsprachigen Publikums wurde Bowies „Heros“ in nahezu einwandfreiem Deutsch in Szene gesetzt.

Me First and the Gimme Gimmes (c) Clarissa Berner

Neben Me First and The Gimme Gimmes erwies sich auch die österreichische Band Kaiser Franz Josef die Ehre. Während das Nachmittagsgigs präsentierten die Jungs auch einige Songs aus ihrem neuen Album „Make Rock Great Again“ und konnten die Red Bull Brandwagen Stage mit eingängigem Rock gezielt einheizen. Staub, Hitze und deren langezogene Solis erzeugten ein einzigartiges Gefühl.

Kaiser Franz Josef (c) Clarissa Berner

Ein besonderes Highlight stellte Pendulum dar, denn die aus England kommende Formation lässt sich kaum noch live blicken, sondern tourt grundsätzlich nur als DJ-Set durch die Welt. Abgesehen davon, dass das Set aus lediglich elf Songs bestand, konnte Pendulum das Publikum nur spärlich in Fahrt bringen, auch wenn zum größten Teil namhafte Songs wie „Watercolour“ oder „Tarantula“ performt werden.

Pendulum (c) Clarissa Berner

Auch die kalifornische Band Blink-182 konnte mit ihrem neuen Sänger Matt Skiba nicht vollkommen überzeugen. Auch wenn es wirklich spürbar war, dass sich der Frontmann von Alkaline Trio richtig bemühte, alte Songs wie „Always“ oder „I Miss You“ originalgetreu wiederzugeben, konnte der Gedanke, dass Tom DeLonge fehlt, nicht vergessen werden. „Sober“ oder „Los Angeles“, Songs des 2016 erschienen Albums, waren hingegen nahezu perfekt und zu Freuden der Zuschauer härter gespielt. Auch wenn es schwerfällt, muss gesagt werden, dass die Skatepunker nicht mehr als die verspielte Punkband, die sich bei jedem Konzert betrinkt und auf keinen Spaß verzichtet, gesehen werden können.

Freitag –18. Juni 2017

Das Kopfweh hatte mittlerweile nachgelassen, Sleeping with Sirens und Pierce The Veil lieferten ein solides Post-Punk-Set, das live eher Rock- sowie Punk- als Metallastig war. Als nächstes war eine Band, die den Beginn ihres Gigs mit den Worten „Wo sind die Prolls“ einleitete und wohl eher fehl am Platz war, an der Reihe. Nach vereinzelten Gesprächen mit der „Fan-Crowd“ stellte sich heraus, dass dem Konzert wohl nur deshalb ein Besuch abgestattet wurde, weil die Rap-Formation 187 Strassenbande in Augen der Zuhörerschaft als absolut, sorry, beschissen empfunden wurde. Wie schon vorab von Besuchern aufgeschnappt, hatte das Konzert nicht sonderlich viel Mehrwert.

Pierce The Veil (c) Clarissa Berner

Prophets of Rage konnten auch bei starkem Regen mit Songs von Rage Against The Machine, Public Enemy und Cypress Hill strahlen. Mit einer Mischung aus Rock, Hiphop und Rap war ein abwechslungsreicher Unterhaltungswert garantiert. Dennoch erwies sich die Dubstep-Gruppe Knife Party als deutlich ansprechender. Das Set gestaltete sich nicht so Dubsteplastig wie erwartet und ermöglichte damit auch einem Publikum, dass sich mit solchen elektronischen Klängen weniger anfreunden kann, ein dynamisches Konzert.
Wie zuletzt im Jahr 2011 sorgten System of a Down auch heuer wieder für richtig gute Stimmung. Zwar gab es keine erhofften neuen Stücke zu hören, eingefleischte Fans und Besucher kamen bei Klassikern wie „Aerials“, „Chop Suey“ und „Toxicity“ dennoch auf ihre Kosten. Auch die wiederkehrenden Regenfälle während des Konzertes konnten das Publikum nicht davon abhalten, die Kalifornier lauthals mit Gesang und Jubel zu unterstützen – ganz egal, ob bei ruhigeren Tracks oder bei den für System typischen Liedern, die sich durch einen musikalischen Wechsel von schnellen, harten auf langsame und rhythmische Passagen kennzeichnet.

Samstag – 19. Juni 2017

Besonders am Samstag machte sich das tagtägliche Feiern bei den Festivalgängern bemerkbar. Während die einen bereits die Zelte abbauten, lagen die anderen träge in ihren Campingsesseln. Frühschoppen mit Wendi’s Böhmischer Blasmusik konnte aber aller Trägheit einen Strich durch die Rechnung ziehen und dem Partyvolk nochmals ordentlich einheizen. Blasmusik mit rockigen Elementen zu Mittag und Bier wirkten magisch auf das Publikum. Nachdem die Blasmusikgruppe ihr Unwesen getrieben hatte, legten Feine Sahne Fischfilet ein ernstes Wörtchen bezüglich rechtem Gedankengut, Terror und der Flüchtlingswelle ein. Auch wenn sich ihre Live-Performance hörbar von Studioaufnahmen unterschied, schaffte es die Punkband, Fans und Zuschauer ohne Probleme zu motivieren und ließ sogar ein Schlauchboot samt Besatzung durch die Meere des Publikums segeln.

Feine Sahne Fischfilet (c) Clarissa Berner

Nachdem Rag ’n‘ Bone Man zwar ein musikalisch großartiges aber eher Ö3-eskes Konzert lieferte (das Ö3-Banner nahm hier ganz neue Dimensionen an), erwiesen sich Simple Plan die Ehre und belebten Skatepunk nach dem vorherigen Blink-182-Gig mit frischem Wind und Energie wieder.

Simple Plan (c) Clarissa Berner

Während die Broilers und Rancid gastierten, rafften sich schon einige Zuschauer auf, den Campingplatz zu räumen, um direkt nach Green Day den Weg nach Hause antreten zu können – so auch wir. Etliche Wege von Parkplatz zum Campingplatz und zurück wurden binnen drei Stunden gemeistert und wir waren bereit für das große Finale. Wer Green Day bereits 2010 am Nova Rock gesehen hat, wusste, dass die Punkformation leider nicht nur gute Shows abliefert. Das mag wohl daran liegen, dass Frontmann Billie Joe Armstrong ab und an Probleme mit Alkohol hatte. Dem war nicht so: Nach einem Intro von Queen und den Ramones sowie Ennio Morricone und einem tanzenden, menschengroßen Hasen, der die Musik fröhlich begleitete, durfte die Show auch schon beginnen. Angefangen bei „Holiday“ über „Boulevard of Broken Dreams“ bis hin zu „American Idiot“ fehlte kein bekannter Song und auch die neue Scheibe fand bei dem Publikum gefallen. Besonders überraschend war, dass es zwischen den Liederwechsel kaum musikalische Pausen gab (siehe Ramones) – diese Begleitungen ließen das Publikum in eine endlose Schleife fallen. Neben überdurchschnittlichem Publikumskontakt haben Green Day das Konzept der Entertainer richtig verstanden: Vereinzelt wurden Gäste aus den ersten Reihen auf die Bühne geholt und durften gemeinsam mit Green Day singen und musizieren; als Hauptpreis gab es Billies Gitarre, was auch ein-, zwei-, dreitausend neidische Blicke aus dem Publikum kostete.
Die Krönung und den perfekten Abschluss stellte das alljährliche Feuerwerk da. Auf dem Weg zum Auto und mit Blicken hin zum vermissten Bett und einer ausgiebigen Dusche ertönte David Hasselhoffs Stimme. Nicht jedermanns Geschmack und besonders im nüchternen Zustand wohl einer der besten Momente den goldenen Boden der Panonnia Fields II zu verlassen – vielleicht auch ein klein bisschen melancholisch; Hasselhoffs Gesang, eine laue Sommernacht und in Gedanken an die in den letzten vier Tagen erlebten Eindrücken. Adieu Sonnenstich; Ahoi Post-Festival-Depression; Frequency wir kommen!

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