Arcadia Live beendet eine sechsjährige Durststrecke, in der das Nuke Festival verloren schien, und belebt es mit heimischen Größen wieder.

Das Grazer Messegelände öffnete seine Pforten für das Nuke Festival 2015, das größte Open Air in Graz seit dem Herbert Grönemeyer Konzert 1992 im Liebenauer Stadion. 24.000 waren es schlussendlich, als auch die wenigen Restkarten, die man Mittags noch an der Tageskasse bekommen hat, weg waren und Bilderbuch das „Ausverkauft-Schild“ über das Festival hängen. Gleichzeitig zeigt sich Sänger Maurice Ernst voller Begeisterung angesichts des größten Publikums, für das er und seine Bandkollegen in Österreich bislang spielten. Gleichermaßen zeigt sich das Publikum von Bilderbuch begeistert. Alles spricht dafür, Bilderbuch sind Österreichs Band der Stunde. Sie treffen den musikalischen Zeitgeist, nehmen Anleihen an Falco und wissen, wie sie die Menge unterhalten.

Was die heimische Musikszene zu bieten hat

Beinahe hätte diese Truppe in Österreich einen derzeit einzigartigen Status, wären da nicht Wanda. Wanda standen zwar schon reichlich früh auf der Bühne, sorgten um 14:00 Uhr aber schon für einen bleibenden Höhepunkt des Festivals. Vor den fünf Herren aus Wien standen lediglich zwei andere Acts auf der Bühne. Zum einen war das Kayef, der von spitzen Zungen auch der Justin Bieber Deutschlands genannt wird und in die ähnliche RAOP Kerbe schlägt, mit der auch Cro seine Erfolge hat. Gelegentlich neigt der junge Mann dazu in seiner Musik alte 90er-Jahre Peinlichkeiten heraufzubeschwören. Insgesamt zeigen sich seine Fans aber ganz zufrieden, am Rest geht er eher spurlos vorüber.
Mit Olympique stand im Anschluss der erste heimische Act auf der Bühne; dem Publikum gefiehl’s, die Reihen füllten sich. Spätestens als das Rock-Trio, das grob an Editors und Joy Division erinnert, „The Reason I Came“ spielte, rollte eine Welle des Jubels über das Messegelände. Doch Olympique müssen weiter, sie spielten am Abend schon das nächste Konzert in Wien.
Dann waren es obengenannte Wanda, die erstmals die ganze vorhandene Publikumsmasse mobilisierten. Erst machte Sänger Marco Michael Wanda, bewaffnet mit Weißwein und einer Flasche Mineralwasser, den Soundcheck zur Show, dann konfrontierte die ganze Band das Publikum mit einem knapp 50-minütigen Hitfeuerwerk, das vor Amore nur so strotzte. Um einen stilvollen Abgang hinzulegen, überzog die Gruppe um ein paar Minuten. „Zieht’s uns den Stecker, scheißegal!“, leitete Wanda den abschließenden Song ein.
Mit Mono & Nikitaman und Prinz Pi bespielten zwei Acts den Nachmittag und die schweißgebadeten, sonnengeröteten ZuschauerInnen, die gut in das Booking passten, aber zwischen Wanda und Bilderbuch nicht so hervorstechen mochten. Die allgemeine Feierlaune und ausgelassene Stimmung ging dennoch weiter.

Das Trinkwasser bleibt aus

Während Bilderbuch, wie schon erwähnt, verkündeten, dass das Festival ausverkauft ist, offenbarten sich auch erste organisatorische Mängel. Das angekündigte Gratis-Trinkwasser, das es an allen Getränkeständen geben sollte, gab es nicht. Generell war es kein leichtes, an Leitungswasser zu kommen. Bei der herrschenden Hitze war dieser Umstand schwer hinzunehmen und konnte auch nicht unter den Teppich gekehrt werden. So zeigte man sich von Seiten des Veranstalters ausgesprochen bemüht, die Situation zu verbessern und kommunizierte regelmäßig Infos auf der facebook-Seite des Festivals. Auch wenn es im Laufe des Tages Verbesserungen gab, konnte das Problem nicht völlig gelöst werden. Eine weitere, wenn auch weit weniger gravierende Unannehmlichkeit gab es bei den Essensständen. Zwar war der Slow Food Market in der Halle, der wegging von der klassischen „Festivalkulinarik“ und eine große Auswahl an Köstlichkeiten bot, eine fantastische Idee, doch kam es hier zu beträchtlichen Wartezeiten.
Doch auch das konnte die Stimmung nicht trüben und so feierte man ausgelassen Cro, der mit Pandamaske und zu großem Basketballtrikot seine RAOP-Hits auf die Massen abfeuerte. Sein Set wurde mit Effekten (Flammenwerfer und Luftschlangen) garniert.
So feurig die Stimmung zuvor auch noch war, nun wurde es sehr still am Nuke.

59 Männer, acht Frauen und vier Kinder

…mit dem Gedanken, dass uns das nie wieder passieren darf.

Meinte man, die Mitglieder der Parov Stelar Band auf die Bühne kommen zu sehen, wurde schnell offensichtlich, dass hier Größeres im Gange war. Die Musiker und Musikerinnen aller Bands – ausgenommen von Kayef und Olympique, die nicht bis zum Abend in Graz bleiben konnten – versammelten sich auf der Bühne, um eine Schweigeminute für die verstorbenen Flüchtlinge im Burgenland abzuhalten. Einleitend lief Charlie Chaplins berühmte Abschlussrede aus „Der große Diktator“ über die Bildschirme, die die Bühne flankierten, und ließ das Publikum aufhorchen. Nick Tilstra, bekannt als Nikitaman, forderte das Publikum auf, gemeinsam ein Zeichen zu setzen: „Deswegen möchten wir jetzt eine Minute lang den Angehörigen und den Familien von den 59 Männer, acht Frauen und vier Kindern gedenken, die in unserer Mitte gestorben sind, und bitte mit dem Gedanken, dass uns das nie wieder passieren darf.“

Parov Stelar und Seeed machen Schluss

Im Anschluss einfach weiterzumachen war nicht leicht, doch The Parov Stelar Band fand genau den richtigen Weg, den Gedanken im Kopf zu bewahren und die Stimmung wieder zu heben. Sodass das Nuke Festival einem freudvollen Ende entgegen gehen konnte. Was Parov Stelar und seine Live-MusikerInnen boten war auf höchstem Niveau und hat auf erfrischende Art gezeigt, dass elektronische Musik nicht nur ein Laptop an einer riesigen PA sein muss.
Schluss machten Seeed, die – ob man sie mag oder nicht – ein würdiger Headliner waren, eine große Show darboten und das Nuke 2015 als gelungenes Festival, das noch ein paar Kinderkrankheiten hatte, mit Hits, Stimmung und Party beendeten.

[flagallery gid=19 w=620 h=500]

Nuke 2015 – Nuke 2016

Das Nuke 2015 hatte zwar die zwei Schwächen, doch die restliche Organisation war tadellos. Das Line-Up war sicher nicht das teuerste oder berühmteste des Festivalsommers, doch es war vielleicht das interessanteste, weil es viele heimische Topacts an einem Tag versammelte und ganz nebenbei die einzige Österreich-Show von Seeed in diesem Sommer bot. So konnte das Nuke vor allem mit ganz viel Liebe zum Detail und Bodenständigkeit Punkten. Mit der „Feinste Halle“, in der man den Slow Food Market, das Toni Legenstein Restaurant, einige gemütliche Sitzmöglichkeiten und die Street Boutique by Edelstoff Designmarkt vorfand, bot man zudem etwas Neues und Innovatives für Festivals.
Deshalb ist es umso mehr eine Freude, dass das Nuke Festival auch 2016 wieder in Graz stattfinden wird, dann zweitägig.

Zum Schluss möchten wir uns noch einmal ganz herzlich bei den Damen und Herren von Arcadia Live bedanken, für die nette Versorgung der Presseleute und das köstliche Glas Sekt zur Begrüßung.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.