Rock in Vienna: Metal vs. Rock vs. Wetter
Organisation
Gelände
Programm: Hochkarätigkeit
Programm: Vielfalt
Programm: Kreativität
3.4Sterne

Auch im zweiten Jahr glänzte das Rock in Vienna mit namhaften Headlinern. Doch das Besondere, das über den Entertainment-Faktor hinausgeht, fehlte.

Im letzten Jahr konnten wir beobachten, dass das erste Rock in Vienna durchaus gelungen über die Bühne ging, organisatorische Missstände hielten sich weitestgehend in Grenzen. Für das Jahr 2 des Festivals waren die Erwartungen dementsprechend, doch die große Evolution blieb aus. So lief das Festival zwar erneut weitestgehend strukturiert ab, doch hier und da zwickte und zwackte es.

Die jungen Wilden der Jolly Roger Stage

Angefangen beim Einlass am Freitag, dem ersten Festivaltag. Wer nicht gleich zu Anfang dort ist (der Einlass verzögert sich von 13 Uhr auf 13:35 Uhr), muss lange Wartezeiten in Kauf nehmen. So passiert es, dass der eine oder andere Fan eine für ihn essentielle Band verpasst. Die frühen Vögel erleben ab 13:40 Uhr eine Armada heimischer Bands, die auf der Jolly Roger Stage das Festival eröffnen. Black Cage um Sängerin Kati Cher liefern eingängigen Heavy Rock und dürfen die ersten Zuschauer ernten, bevor die Oberösterreicher Tuxedoo neben ihrem alpenländischen Metalcore auf Bühnenshow und Fananimation setzen. Zum Titelsong von Baywatch springt ein unverwechselbares David Hasselhoff Double mit Vollbart und Bierbauch in die Menge. Besagter Kerl hat im großen Finale der Tuxedoo Show einen erneuten Auftritt, in einem Disco-Outfit, dessen genaue Beschreibung an dieser Stelle zu grausam wäre. Dem Publikum hat es sichtlich getaugt. Über viel Publikumszuspruch dürfen sich auch Kontrust freuen. Zwar ist der Sound nicht ideal und ihre Songs funktionieren auf Platte besser als live, doch ihr humoriger Crossover aus Alternative Metal und Pop sticht aus einem in Wirklichkeit relativ homogenen Programm am Freitag heraus.

Während Kontrust sich gegen Pain, die mittlerweile als zweite Band nach Eisbrecher auf der Hauptbühne spielen, noch sehr tapfer behaupten, haben Wage War mit Anthrax einen übermächtigen Kontrahenten. Etwas besser ergeht es danach Serum 114 aus Frankfurt. Zwar spielen sie gleichzeitig mit Babymetal, dürfen sich aber über einen ganz gut gefüllten Publikumsraum freuen. Als Belohnung für den Bühnenbesuch bekommen die Leute Punkrock, der an die Broilers und Die Toten Hosen erinnert. Absolut unterhaltsam. Die Band wurde übrigens kürzlich vom österreichischen Label Napalm Records unter Vertrag genommen. Die Japanerinnen von Babymetal spielten bereits 2015 am RIV und haben sich trotz oder eher wegen ihres verstörend anmutenden Konzepts zu einem großen Publikumsmagnet entwickelt.

Die Großen

Mit Serum 114 endet der Tag auf der Jolly Roger Stage, die durch ihre Positionierung direkt am Weg zu den beiden Hauptbühnen (Soul- und Mindstage), die auch heuer wieder als abwechselnd bespielte Doppelbühne fungieren, den ganzen Tag über Leute anziehen konnte. Auf den Hauptbühnen geht es langsam aber sicher ans Eingemachte. Nach einer kurzen Einlage des Red Bull Skydive Teams (derartige Zusatzshows sind nett aber kein ernsthafter Mehrwert für das Programm) betreten Slayer die Soulstage. Leider fällt die Show im hinteren Mittelfeld des Geländes relativ leise aus. Ohnehin ist das ganze Festival zurückhaltend, was die Lautstärke betrifft (oder dieser Redakteur hört zunehmend schlechter, was denkt ihr?). Während die Slayer Fans vorne feiern, beginnt bei vielen im Publikum das ungeduldige Warten auf Rammstein. Doch zuvor stehen Apocalyptica an, die trotz der kollektiven Ungeduld gut beim Publikum ankommen. Immer wieder kommt ihr derzeitiger Gastsänger Frankie Perez auf die Bühne, um die vier finnischen Cellisten gesanglich zu untermauern. So auch bei ihrer 2008er Single „I don’t care“. Perez hat eine großartige Stimme, die streckenweise an Nathan Grey von Boysetsfire erinnert, und dem Bandsound noch eine weitere Portion Energie und Eingängigkeit verleiht. Apocalyptica feiern in diesem Jahr das 20-jährige Jubiläum ihres Debütalbums „Plays Metallica by Four Cellos“. Sie sind ein Highlight an diesem Tag.

Feuer Frei!

Um 21:20 Uhr ertönt ein lauter Knall auf der Soulstage und eine rote Wolke steigt in den Himmel: Rammstein sind da. Ihre Musik ist Geschmackssache, doch in Sachen Show kann ihnen niemand etwas vormachen. Das eineinhalbstündige Konzert ist mit einem Best-Of-Set, Lichtshow und Flammen durchkonzeptioniert und lässt keine Erwartungen an Bühnenbombast unerfüllt. Die Menge tobt bis ins letzte Eck der Donauinsel. Diese Show hätte vom besten Produktdesigner seines Hochschuljahrgangs nicht besser designt werden können. Rammstein sind eben riesig. Umso aufregender ist es, wenn es am Ende Probleme mit der Stromversorgung gibt und während „Sonne“ Till Lindemanns Mikrofon ausfällt. Das Publikum springt souverän für den Sänger ein.

RIV2016 Day 1 #riv2016ROCK IN VIENNA 2016 – DAY1 #riv2016

Posted by Rock in Vienna on Samstag, 4. Juni 2016

Mehr Rock

Stand der erste Festivaltag noch ganz klar im Zeichen des Metals, herrscht am zweiten Tag die Rockmusik über die Bühnen. Beim Einlass gibt es an diesem Tag weniger Probleme, der Andrang ist weit geringer als am Tag zuvor, als rund 45.000 Personen zu Rammstein pilgerten. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass die Wartezeiten an den Getränkeständen wesentlich kürzer ausfallen. Zipfer schafft es wie so oft nicht, qualifiziertes Barpersonal zu stellen. Der Ärger der Besucher verfliegt aber für gewöhnlich beim ersten Schluck ihres hart erarbeiteten Getränks.
Die Protestsongcontest Gewinner Rammelhof eröffnen den Tag auf der Jolly Roger Stage. Das heißt politischer Punkrock mit Alf Poier Attitüde und jeder Menge Körpereinsatz. Da wird der Steuergeier auf der Bühne kastriert, das Publikum von zwei amerikanischen Sheriffs mit Spritzpistolen beschossen („Pumpgun“) und Hitler und der Djihadist Karli zeigen sich pazifistisch: „Wer so fesche Ski hot, fohrt doch net zum Djihad.“

Pumpgun live @ Rock in Vienna 2016!Sheriff Randy A. Gunheimer in action!
Danke Rock in Vienna, danke geiles Publikum – es war da ultimative Wauhnsinn!

Posted by RAMMELHOF on Sonntag, 5. Juni 2016

Durch die Subgenres

Kurz nach 14 Uhr legen Anti-Flag vor euphorischem Publikum auf der Mindstage los. Der Nachmittag ist gespickt mit Bands aus den verschiedensten Rock-Subgenres. Graveyard schlagen in die Bluesrock Kerbe und erinnern dabei an DeWolff und Olympique. Royal Republic aus Schweden bringen energiegeladenen – wie könnte es anders sein – Garage Rock auf die Bühne, eine Mischung aus Danko Jones und Volbeat mit dem Vibe der The Hives. Im Anschluss verzaubert Juliette Lewis mit ihrer Band Juliette & The Licks. Als Inbegriff eines Energiebündels steht sie in einem Outfit auf der Bühne, das wohl zuletzt von Mick Jagger in der 70er Jahren getragen wurde. Sie ist die herausragende Frontfrau unserer Zeit. So viel Rock und noch viel mehr Roll.
Den Subways wird von ihrem Tonmann ein Strich durch die Rechnung gemacht. So schlechten Sound kennt man ansonsten nur aus dem Gasometer. Zum Glück bessert sich die Lage im Laufe des Auftritts ein wenig.

Nicht gebessert hat sich die Lage bei Mando Diao. Zwar können sich die Schweden – im Gegensatz zu ihrem letzten Wien-Konzert – wieder halbwegs vernünftig kleiden, doch ihre energiegeladenen Shows von früher bringen sie nicht mehr auf die Bühne. Zum einen ist der Disco-Sound, den sie seit einigen Jahren verfolgen, schwer ertragbar, zum anderen scheint Björn Dixgards Ego Größerem im Weg zu stehen. Der Frontmann scheint sich stärker darauf zu konzentrieren, sich selbst möglichst gut auf der Bühne zu präsentieren, statt seine Energie in die Musik zu stecken.
Biffy Clyro stellen da eine Wohltat dar. Ihr Set eröffnen sie mit ihrer neuen Single „Wolves of Winter“ und lassen von da an keine Minute mehr locker. Diese Band ist alternativ, verspielt und straight. Sie sind Metal, Rock und Roll, mit dem nötigen Pop. Dennoch bleibt das Publikum etwas verhaltener als zuvor bei Mando Diao. Biffy Clyro haben bei uns einfach noch zu wenige große Hits.

Iggy Pop Time

Anders die Situation bei Iggy Pop. Um 21:18 Uhr stürmt der extrovertierte Godfather of Punk die Bühne und bombardiert das Publikum mit „No Fun“, „I Wanna Be Your Dog“, „The Passenger“ und „Lust for Life“ in nur wenigen Minuten. Doch auch danach lässt er nicht nach. Charmant und gut gelaunt, mit großartiger Stimme und mächtig Energie führt der mittlerweile 69-jährige Amerikaner durch den Abend. Bis sein Set in einem Zugabenblock aus dem „Lust For Life“-Song „Neighborhood Threat“ und vier Songs seines aktuellen Albums mit Josh Homme (Queens of the Stone Age), „Post Pop Depression“, gipfelt.

Rock in Vienna 2016 – Day 2Das war der zweite Tag am Rock in Vienna 2016. Ihr seids der Hammer!

Posted by Rock in Vienna on Sonntag, 5. Juni 2016

Zurück zum Metal

Der finale Tag des Rock in Vienna steht wieder verstärkt für Metal, und für Regen. Kommt man zu Mittag auf das Gelände, wird man neben der Sonne von einem Geruch empfangen, der Zeuge der vergangenen Tage wurde. Ausscheidungen aller Art, Bier, Spritzer, Kotze, hier kannst du alles haben. Diesen Geruch vermögen auch Shinedown nicht zur Gänze zu vertreiben, doch sie machen ihn zumindest für einige Zeit vergessen. Während in den Mittagsstunden die Sonne noch strahlt, genießen die Besucher The Vintage Caravan, Tremonti, Zakk Wylde, Gojira, Powerwolf und Kreator auf der Mind- und Soulstage. Auf der kleinen Jolly Roger Stage eröffnen Gasmac Gilmore aus Wien einen Nachmittag mit The Whiskey Foundation, Man The Mighty, Wild Lies, The Raven Age und Dragonforce. The Raven Age aus Florida haben zwar einen eingängigen Sound, doch fabrizieren sie diese klinisch tote Musik aus dem letzten Jahrzehnt. Da empfiehlt es sich einen Abstecher zu Gojira vor die Soulstage zu machen. Die Franzosen spielten bereits 2015 eine souveräne Show am Rock in Vienna und ihr Progreissve Death Metal funktioniert auch 2016 noch.

Während am späteren Nachmittag Wolken über der Insel aufziehen, stellt sich den tausenden Besuchern die Frage: Kreator oder Dragonforce? Auch wenn sich die Mehrheit für Kreator auf der Mindstage entscheidet, ist die Wiese vor der Jolly Roger Stage um 17:30 so gut gefüllt wie nie zuvor an dem Wochenende. Doch Dragonforce lassen auf sich warten bis ihnen schließlich ein erster Regenschauer zuvorkommt. Die Besuchermassen suchen unter den beiden Bahnbrücken, die die Donauinsel überspannen, Schutz vor dem Regen. Dragonforce sind zu diesem Zeitpunkt wegen gröberer Technikprobleme nach wie vor dabei, den Soundcheck durchzuführen. Mit über einer Stunde Verspätung und nicht restlos gelösten Technikproblemen starten Dragonforce gleichzeitig mit Nightwish bei wieder trockenen Bedingungen in ihre Show. Als bei den britischen Speed Metallern alles wieder in geregelten Bahnen läuft, lohnt sich ein Blick zum Symphonic Metal von Nightwish. Die machen diese Sache, die sie schon immer machen, durchwegs gut. Aber das macht Helene Fischer auch. Wirklich von Belangen ist das Ganze leider nicht.

Scream for me Vienna

Nur wenige Songs können In Extremo, die schon aufgrund ihrer Mittelalter-Instrumentierung aus der Masse herausstechen, von sich geben und schon fängt der Regen wieder an. Dieses Mal intensiver und länger. Die Leute flüchten sich unter Zelte und erwähnte Bahnbrücken, aber sind dennoch schnell durchnässt. Das einzige, das weiterstrahlt, ist die Stimmung. Unter tobendem Applaus wälzen sich einige gut angetrunkene Körper nach feinster „I don’t give a fuck“-Manier im Schlamm. Auf weitere Songs von In Extremo muss man indes verzichten. Der Veranstalter setzt alles daran das Programm pünktlich mit Iron Maiden fortzusetzen. Trotz anhaltendem Regen stehen die britischen Heavy Metal Legenden kurz vor 21 Uhr auf der Soulstage. Ein Hauptaugenmerk ihres Programms liegt auf ihrem aktuellen und sechzehnten Album „The Book of Souls“. Sechs der insgesamt fünfzehn Nummern stammen von dem Longplayer. Von dem Regen lässt sich niemand mehr beirren und Bruce Dickinson zeigt sich in bester Laune. Nach gut einer Stunde hört es auf zu regnen und mit den großen Hits „The Trooper“, „Fear of the Dark“ und „Number of the Beast“ als Eröffnung des Zugabenblocks kann das Ende des Festivals ausgelassen gefeiert werden. Ein letztes „Scream for me Vienna“ und Rock in Vienna 2016 ist Vergangenheit. Die großen Offenbarungen fanden sich auf dem Festival nicht. Eh egal, die Horden wollen unterhalten werden. Die Jolly Roger Stage bietet zumindest ein wenig Abwechslung und ein paar junge Überraschungen. Bleibt zu hoffen, dass das Konzept für das kommende Jahr erhalten bleibt. Der Vorverkauf für Rock in Vienna 2017 hat bereits gestartet.

Der finale Tag des Rock in Vienna 2016 – für euch in kurzen Impressionen zusammengefasst :) #riv2016
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Eddie left by Sonja Kanicky and Kate Steel, Eddie right by Nadja Hluchovsky

Posted by Rock in Vienna on Montag, 6. Juni 2016

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