Rock in Vienna – Tag 2
Programm-Gestaltung
Headliner
Stimmung
Organisation
3.3STERNE

Mit Metalheads bei Silbermond, oder wie man harte Männer zum Weinen bringt.

Es ist zweifelsfrei ein Dilemma, in dem sich das Rock in Vienna in diesem Jahr befindet:
Auf der einen Seite hat man mit Kings Of Leon, Macklemore & Ryan Lewis und Die Toten Hosen immerhin drei international sehr namhafte Headliner. Gleichzeitig fehlt es im Nachmittagsprogramm an Dichte und dem direkten Konkurrenten Nova Rock ist man in diesem Jahr maßlos unterlegen. Hinzu kommt, dass man sich – dem Namen entsprechend – in den ersten beiden Jahren als lupenreines Rock, Hard Rock und Metal Festival positioniert hat. In kürzester Zeit hat es das Format geschafft, sich eine Fanbase aufzubauen. Doch in diesem Jahr liest man da plötzlich Namen wie Deichkind, Großstadtgeflüster und Silbermond. Ein Tritt in den Rücken aller ROCK in Vienna Fans, noch mehr, wenn sie sich in blindem – und natürlich völlig naivem – Vertrauen bereits zu Jahresbeginn ein Early Bird Ticket gekauft haben, ohne das Line Up zu kennen.
Als Resultat sind es keinen Massen, die am zweiten Festivaltag ab 15 Uhr auf die Donauinsel strömen, sondern überschaubare Mengen, die auf die Insel plätschern. Der Veranstalter schien es bereits geahnt zu haben und verzichtete auf einen Wavebreaker.

Indie – Punk – Hard Rock

Zu Beginn von Tag 2 zeigt sich das Programm nicht unpassend für ein Festival, das den Begriff Rock im Namen trägt. Während die britische Indierock-Band Fatherson um 15:30 Uhr in den Festivaltag startet herrscht dennoch gähnende Leere vor der Bühne und am ganzen Gelände. Fatherson spielen ein solides Set, lassen sich von der überschaubaren Menschenmenge nicht irritieren, geben eine gute Einstimmung, bleiben aber weitestgehend unbeachtet.

Schmutzki; (c) Rock in Vienna / Florian Matzhold

Die deutschen Punkrocker Schmutzki kommen im Anschluss nicht drum herum, das Festival ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Von 20.000 am Rock in Vienna ist die sarkastisch die Rede. Eigentlich hatte man geplant am Festival einen Campingplatz-Gig zu spielen, doch dann merkten sie, dass es hier sowas gar nicht gibt. Auf jeden Fall machen Schmutzki Spaß – hätten am Montag vor Beatsteaks und Die Toten Hosen jedoch besser in das Programm gepasst.
Sieht man sich zu dieser Zeit im hinteren Teil des Geländes um, dann findet man viele ratlose Metal und Hard Rock Fans. Die meisten sitzen auf Bierbänken, trinken und fürchten sich vor Silbermond. Viele von ihnen werden den ganzen Tag hier verbringen. Man ist sowieso nur gekommen, weil man das Ticket zu früh gekauft hat und das Wetter an diesem Tag Insel-tauglich ist.

(c) Rock in Vienna / Florian Matzhold

Gleichzeitig erleben eben jene mit The Dead Daisies, einer amerikanisch-australischen Hard Rock Supergroup um John Corabi (Mötley Crüe), Doug Aldrich (Whitesnake) und Brian Tichy (Billy Idol, Whitesnake, Ozzy Osbourne), ihren musikalischen Höhepunkt des Tages. Da wird auch mal vom Bierbecher aufgeblickt, zustimmend genickt – ach, könnte es doch nur so weitergehen, die Welt wäre wieder in Ordnung.

(c) Rock in Vienna / Matzhold

Hip Hop, Soft Pop und die finale Erlösung

Doch auf die Flut folgt Ebbe, auf Hard Rock folgt Hip Hop. Großstadtgeflüster betreten die Bühne und spielen eine abwechslungsreiche und stimmungsvolle Show (dass es hier und da Helene Fischer’esque Passagen gibt, sei an dieser Stelle verziehen). Aber wenn man im letzten Jahr noch dem Wolkenbruch getrotzt hat, um Iron Maiden zu sehen, vor zwei Jahren eine gefühlte halbe Ewigkeit vor der leeren Bühne stand, um endlich Metallica zu sehen, dann passt das, was hier passiert, einfach nicht ins Weltbild. Zweifel, Ärger, Traurigkeit – der Metalfan ist in seinen Grundfesten erschüttert, den Tränen nahe, beginnt über den Sinn des Lebens zu sinnieren.

(c) Rock in Vienna / Matzhold

Dennoch, vor der Bühne ist die Stimmung gut, Großstadtgeflüster kommen an. Schließlich ist nicht jeder Besucher ein enttäuschter Rock- oder Metalfan – manch einer ist wegen des Line Ups hier, nicht trotz des Line Ups.
Und auch bei Silbermond sind durchaus Menschen vor der Bühne. Auch wenn es von Song zu Song weniger zu werden scheinen. Das liegt jedoch weniger daran, dass die Metalheads von hinten sich heimlich für „Symphonie“ nach vor gestohlen haben, um ihren guilty pleasure zu genießen und sich anschließend wieder unter dem Biertisch zu verstecken. Sondern daran, dass Silbermond wohl das langweiligste ist, das jemals auf einer Bühne stand. Immer mehr Zuschauer gähnen gen Himmel und trösten sich mit der Tatsache, dass die Band „zumindest live spielt und ihre Songs selber schreibt.“ Also wieder ein Blick zurück zu den Metallern und siehe da, der Alkohol zeigt Wirkung, die Verzweiflung ist einer ausgeprägten Verhöhnung der surrealen Situation gewichen. Der großgewachsene, tätowierte Mann mittleren Alters mit Lederjacke und Bandana trällert den Refrain von „Krieger des Lichts“ mit und bricht in lautstarkes Gelächter aus. Es ist tröstlich zu sehen, dass der Spaß zurückgekehrt ist – Zipfer und Jägermeister sei Dank.

Kings Of Leon; (c) Rock in Vienna / Florian Matzhold

Der sechste und letzte Akt nennt sich Kings Of Leon. Die amerikanische Blues-Rock-Band ist eine musikalische Wohltat. Die Gebrüder Followill spielen eine Mischung aus Alt und Neu, aus Hits und unbekannteren Nummern. Natürlich fehlen auch ihre Chartbreaker „Use Somebody“, „Sex On Fire“ und „Waste A Moment“ im Set nicht. Und das ist auch schon das eine Manko am Auftritt der Band. Ihre Erfolgssingles sind auf der großen Bühne burner, doch viele der hervorragenden Songs der Band würde man sich in einer kleinen verrauchten Blues-Kneipe wünschen. Die große Geste und die Stadionhymnen, die Bands à la Muse oder Foo Fighters auf die Bühne bringen, fehlen den Kings Of Leon weitestgehend. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Gruppe ein völlig adäquater, standesgemäßer und hochkarätiger Headliner für das Rock in Vienna waren.

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