Rock In Vienna - Tag 4
Programm-Gestaltung
Headliner
Stimmung
Organisation
3.5STERNE

Und am Ende ist (fast) alles wieder gut.

Liebes Rock in Vienna, liebe Bluemoon Entertainment Gmbh und DEAG,

bevor es hier um den musikalisch äußerst gelungenen letzten Tag am RIV 2017 geht, sollen ein paar Gedanken zu den Sicherheitsaspekten des Festivals ausgesprochen werden. In den letzten beiden Jahren brillierte euer Festival an der organisatorischen Front weitestgehend. Natürlich, Wartezeiten gibt es immer, speziell an Bars und Fressständen, doch die wirklich wesentlichen Einrichtungen funktionierten. Es gab an allen Enden des Geländes ausreichend Toiletten, der Bereich vor dem Wavebreaker war gut zugänglich sowie mit weiteren Sanitäreinrichtungen ausgestattet und der Wavebreaker selbst war geschlossen und durchgängig über die komplette Breite. Die Securities konnten den Überblick bewahren und den Zugang schließen, wenn die Menschenmenge im Innenbereich zu groß wurde. Ihr habt also gezeigt, dass ihr in der Lage seid, ein funktionierendes Sicherheits- und Geländekonzept auf die Beine zu stellen.
Im Jahr 2017 ist alles ein wenig anders. Das durchwachsene Line Up wollte von Anfang an nicht so richtig ziehen, der Vorverkauf lief wohl eher schleppend. Dass ein Veranstalter in diesem Fall an gewissen Stellen Einsparungen erreichen will, ist verständlich. Doch bitte nicht im Sicherheitskonzept.
Bei Headlinern wie Kings Of Leon oder Macklemore & Ryan Lewis war ein Wavebreaker nicht zwangsläufig nötig, die Menschenmengen waren überschaubar. Dass das bei Die Toten Hosen nicht so bleiben würde, war euch offensichtlich klar, und so habt ihr über Nacht einen (kleinen) Wavebreaker zwischen den beiden Techniktürmen auf das Gelände gezaubert.

(c) Rock in Vienna / Florian Matzhold

Der Haken an der Sache: Ein zu den Seiten offener Wavebreaker nimmt zwar den Druck von Hinten, in keinster Weise jedoch verhindert er, dass die Massen von den Seiten in die Mitte vor die Bühne drängen, noch gewährleistet er, dass man die Massen an vorströmenden Zuschauern kontrollieren kann.
Im Laufe des Abends wurde es also zunehmend enger und ungemütlicher vor dem Wavebreaker. Wenn es kaum mehr möglich ist, die Arme zum Applaus zu heben oder das Atmen in manch einem Momenten zur Schwierigkeit wird, dann ist ein kritischer Punkt erreicht. Nach rund der Hälfte der Hosen-Show wurde es sehr vielen endgültig zu eng, sie quetschten sich irgendwie durch die Menschenmenge, bis sie weiter weg von der Bühne wieder Platz zum Atmen hatten.
Dass an diesem Abend niemand zu Schaden gekommen ist, ist wohl in erster Linie auf die Gelassenheit und das weitestgehend rücksichtsvolle Verhalten des Publikums zurückzuführen.

Liebe Veranstalter,
überlegt euch nochmal ganz genau, ob euch das Thema Sicherheit in Zukunft nicht wieder ein paar tausend Euro mehr wert sein sollte – auch wenn die Jahresbilanz dann ein kleinwenig schlechter aussieht.
„Ist ja eh alles gutgegangen, kann so schlimm nicht gewesen sein“, könnte man argumentieren. Ja eh, aber was, wenn beim nächsten Mal nicht mehr alles gutgeht?

Vom Punk zum Hip Hop

Auf musikalischer Seite hatte der finale Tag des Festivals viel Positives zu verzeichnen. Als Opener begleitete die australische Rockabilly- und Punkbband The Living Dead die gut gelaunten Zuseher bei Sonnenschein durch die Eingangskontrollen auf das Gelände. An dieser Stelle ein Lob an die Ordner. Kompetent, freundlich und genau – nicht immer eine Selbstverständlichkeit bei Securities.
Nach dem Auftakt spielte die Stoner Rockband Clutch aus Maryland ihr Set. Trotz des mittlerweile fortgeschrittenen Alters – Clutch sind seit 1991 ohne Unterbrechung äußerst produktiv – gaben die Herrschaften ziemlich Gas. Da kommt Rockfestival-Stimmung auf.
Anders Marteria: Er ist die letzte „Themenverfehlung“ des viertägigen Festivals. Doch nur weil es dem Festivalnamen widerspricht, heißt das nicht, dass es nicht überzeugen kann.

Ein Nachmittag unter Freunden

Ganz im Gegenteil, der deutsche Rapper liefert ein hochenergetisches Set durch seine über zehnjährige Karriere. Verstärkt im Fokus steht sein aktuelles Erfolgsalbum „Roswell“. Zum Song „Alien“ steht als Feature-Gast ein gewisser Teutilla auf der Bühne – hinter ihm steckt niemand geringerer als Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß.
Marteria gilt zurecht als der aktuell beste Live-Künstler des deutschsprachigen Hip-Hop. Der sympathische Kerl aus Rostock bringt sogar die Rocker zum Feiern. Am Ende steht dann auch Musikerkollege und Freund Campino bei ihm auf der Bühne.

Beatsteaks; (c) Rock in Vienna / Florian Matzhold

Die Beatsteaks, die so viele von uns durch die Jugend begleitet haben, sind auch nach 22 Jahren noch eine große Nummer. Tolle Songs (alte und neue; die aktuelle Single „40 degree“ funktioniert live ganz hervorragend und erinnert wieder verstärkt an die Frühphase der Band), großartige Stimmung – wenige Bands funktionieren auf Festivals so gut, wie die Punks aus Berlin rund um Frontmann und Sänger Arnim Teutobrug-Weiß. Dieser schickte seiner Mutter Geburtstagsgrüße von der Rock in Vienna Bühne. Also an dieser Stelle: Ein herzliches Happy Brithday im Nachhinein, Frau Teutobrug-Weiß!

Die Toten Hosen; (c) Rock in Vienna / Florian Matzhold

Das große Finale – nicht nur des Tages, sondern des ganzen Festivals – sind Die Toten Hosen. Mit ihrem neuen, höchst gelungenen Studioalbum „Laune der Natur“ angereist, spielen Campino und Kollegen eine zweistündige Show. Den Auftakt macht der „Laune der Natur“-Opener „Urknall“ – eine hervorragende Wahl. Die Hosen scheinen so energiegeladen und motiviert wie eh und je. Man nimmt es ihnen tatsächlich ab, dass der Auftritt hier auf der Wiener Donauinsel etwas Besonderes für sie ist. Sie spielen sich quer durch ihre 35-jährige Bandgeschichte, spielen vieles vom neuen Album („Wannsee“, „Die Schöne und das Biest“, „Unter den Wolken“, „Wie viele Jahre (Hasta la muerte)“), genauso wie ihre großen Hits „Hier kommt Alex“, „Bonnie & Clyde“, „Steh auf, wenn du am Boden bist“ und wie sie alle heißen. Neben „Zehn kleine Jägermeister“ gibt es mit „Pushed Again“ und „Eigekühlter Bommerlunder“ zwei besondere Schmankerl. Um 23 Uhr entlassen sie ihr zahlreich erschienenes Publikum mit dem epischen Klassiker „You’ll Never Walk Alone“ in die Nacht, der erst lange Zeit nach dem Ende der Show verstummt.
Am Ende ist alles wieder gut; die unorthodoxe Genremischung vom Rock in Vienna 2017 hat niemandem nachhaltig geschadet. (Höchstens dem Festival selbst – man wird sehen, ob es 2018 wieder ein Rock in Vienna geben wird.)
Auch die Rocker von Tag 2 schauen zufrieden drein, als sie die Donauinsel in leichter Schräglage verlassen.

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