Der große Tag war da, um 16:30 sollten Maschek das dichtgedrängte Programm der Veranstaltung der Volkshilfe „Voices for Refugees“ eröffnen. Der Demonstrationszug, der bereits am frühen Nachmittag beim Westbahnhof gestartet war, marschierte noch, dennoch füllte sich um 16 Uhr der Heldenplatz. Bereits am Vormittag hatten Musiker gepostet, dass sie gerne bei regulären Konzerten so viele Zuschauer gehabt hätten, wie schon beim Soundcheck anwesend waren.

Die Leistung der Organisatoren, diese Veranstaltung aus dem Boden zu stampfen, war unbeschreiblich. Es wurde mit doppelten Crews gearbeitet, damit, wenn ein Act abbaute, bereits die Riser mit dem Equipment der nächstfolgenden Band hineingeschoben werden konnten. Maschek begeisterten die Menge mit ihren bekannten Videoparodien, angepasst an das Thema des Tages. Somit war das Publikum gelöst und konnte über das doch sehr ernste Thema des Tages lachen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ist aber vorauszuschicken, dass die Wortmeldungen der folgenden Künstler sich nicht nur auf humoristische Satire beschränkten, sondern doch nicht immer ganz politisch korrekt, harte Kritik an der internationalen und besonders auch der nationalen Politik übten.

20 Minuten pro Act

Da jedem Act nur 20 Minuten zur Verfügung standen ging es Schlag auf Schlag. Thomas David wurde von Thomas Stipsits abgelöst, der wiederum die Bühne für das Duo Salah Ammo & Peter Gabis räumen musste. Es blieb für jeden nur ein Programm von drei Songs und ein kurzes Statement. Jeder, der schon mal einen Kurz-Gig selbst spielen musste weiß, wie viel Konzentration und Disziplin es den Künstlern abverlangt, in der kurzen Zeit auf dem Punkt zu sein und eine Show abzuliefern.

Ein vorgezogener Höhepunkt war der Auftritt von Christoph & Lollo, die aus ihrem Repertoire der letzten 20 Jahre zwei Lieder aussuchten. „Eines etwas länger, dafür passend, und eines kürzer, aber nicht zum Thema passend.“ Ersteres handelte von den unterschiedlichen Standpunkten, wie transnationale Konzerne und deren Mitarbeiter die Zusammenhänge der globalen Wirtschaft und die daraus resultierende Missstände in den Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas sehen, das zweite war wohl dem Publikum bekannter und handelte von der Frage, wann ein bekannter österreichischer Ex-Politiker endlich auch eine Haftstrafe antreten müsse.

Tagträumer und Seiler & Speer im Nachmittagsprogramm

Es folgte eine Rede von Susanne Scholl, während im Hintergrund für die junge Band Tagträumer aufgebaut wurde. Generell wurden die Unterbrechungen für Statements von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens genutzt, die im Vergleich zu früheren, ähnlichen Veranstaltungen am „offiziellen“ Österreich mehr kritisierten, als man es gewohnt ist. Die Veranstaltung stand eher im Zeichen der freiwilligen Helfer und der Zivilgesellschaft, die anpackte, während die Politik der Situation konzeptlos zugeschaut hatte. So der Tenor der Wortmeldungen. Bosonders gelungen war die Idee, dass die Pfandbecher für die Getränke in bereitstehende Boxen gegeben werden konnten. Der Einsatz dieser Becher kommt somit direkt der Volkshilfe zugute.

Kreisky überzeugten mit einer soliden Alternative Rock Show, auch hier musste die Band mit drei Liedern auf den Punkt kommen. In der Umbauphase zu Seiler & Speer hielt Schauspieler Harald Krassnitzer eine Rede, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Seiler & Speer brachten unter anderem auch ihr inzwischen berühmtes „Ham kumst“. Seiler machte dennoch in seinem Statement klar, dass es hier nicht um politische Ideologien gehe und ob in „links“ oder „rechts“ unterschieden werde, sondern um menschliche Solidarität und um spontane Hilfe, wo sie gebraucht wird.

Es folgte die Wortmeldung des Initiators und Direktors der Volkshilfe Erich Fenninger, der sich noch einmal bei den helfenden Privatpersonen und nicht bei den staatlichen Organisationen bedankte. Dann hieß es Bühne frei für den deutschen Liedermacher Konstantin Wecker, dessen politische Songs ganz besonders von der inzwischen auf über 100.000 Besucher angewachsenen Menge gefeiert wurden. Es folgte die österreichische Vokalartistin Soap & Skin, die Songs eines syrischen Produzenten in syrisch-kurdischem Dialekt performte.

Dann betrat als einziger Berufspolitiker des Abends der Bundespräsident Dr. Heinz Fischer die Bühne. Seine Worte, sich auf allen Ebenen für die Beendigung der Konflikte in den verschiedensten Regionen der Welt einzusetzen, fand wohlwollende Zustimmung im Publikum. Sein Dank an den persönlichen Einsatz der Österreicher wurde mit Freude quittiert. Nach ihm betrat Raoul Haspel die Bühne, der mit einer Schweigeminute als Download die Charts stürmte. Es war schon eine ungewöhnliche Situation in einer Menge von 100.000 Menschen zu stehen, die eine Minute schwieg. Anschließend wurden die Teilnehmer gebeten, in Anlehnung an das vor Jahren stattgefundene „Lichtermeer“ die Taschenlampenfunktion des Handys einzuschalten und so neuerlich ein Lichtermeer zu veranstalten.

Conchita, Zucchero und Bilderbuch heizen an für Die Toten Hosen

In der Zwischenzeit wurde fleißig umgebaut und Conchita betrat die Bühne. Viel zu schnell wurde wieder umgebaut für Zucchero. Nach dem Abspielen einiger Videostatements wurde die Bühne für die österreichischen Jungstars Bilderbuch freigegeben. Auch sie glänzten mit einer beeindruckenden Kurzshow, wie zuvor Conchita und der italienische Liedermacher Zucchero.

Nach einem langen Nachmittag war es endlich soweit, die groß angekündigten Stars, Die Toten Hosen, betraten die Bühne. Mit Zugabe kamen die Hosen auch nur auf fünf bis sechs Lieder. Sie konnten aus dem langjährigen Repertoire schöpfen und natürlich war auch „Willkommen in Deutschland“ und „Wünsch‘ dir was“ dabei. Viele Leute haben auch auf die Coverversion von „Schrei nach Liebe“ gewartet, sie wurden nicht enttäuscht.

Jedenfalls können die Zivilgesellschaft und die gemeinnützigen Organisationen in Wien stolz darauf sein, eine derartige Veranstaltung in so kurzer Zeit mit dieser hochgradigen Perfektion in Organisation und Ablauf auf die Beine gestellt zu haben. Auch Campino zeigte sich in seiner nicht immer politisch korrekten Ansprache begeistert: „Wien ist die erste Stadt, die eine solche Veranstaltung auf die Beine gestellt hat und auch in Berlin gab es bisher sowas noch nicht. In dieses Wien kommen wir gerne, lasst es euch nicht wegnehmen.“

Fotos: Gnomette de Jardin

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