Mike Ness und seine Kollegen sind diese Woche nach Wien gekommen, um zu triumphieren. Doch scheiterte die Band schlussendlich an der „Gemüsemarkthalle“ des Gasometers.

Social Distortion waren in Wien

Social Distortion waren in Wien

Sind wir mal ehrlich. Mike Ness ist eine lebende Legende des Punkrock. Der Inbegriff kalifornischen Punk’n’Roll, mit all seinen Klischees. Frisur, Outfit, Tattoos die den halben Körper bedecken, tiefhängende Gitarre. Mit Social Distortion lebt der ehemalige Gelegenheitsgefängnisinsasse den Punkrock-Lifestyle seit bald vierzig Jahren und inspiriert junge Musiker rund um den Planeten. Es gibt also durchaus berechtigte Gründe aufgeregt zu sein, in den letzten Minuten bevor der Mann mit seiner Band die Bühne stürmt.

Im Gasometer nicht

Nun gibt es viele Orte an denen man Social Distortion hören/sehen möchte. Es gibt wohl nicht viele Szenarien, die verlockender klingen, als mit Bakersfield oder Prison Bound im Ohr in einem alten Mustang Cabrio zu sitzen und in den kalifornischen Sonnenuntergang zu fahren. Oder Mike Ness mit seiner Band, die heute nur noch wenig mit der ursprünglichen Version zu tun hat (Ness selbst ist das letzte Originalmitglied aus dem Jahr 1978), im Whiskey A Go Go in Los Angeles zu sehen. Oder Social Distortion mit der Sonne im Rücken am Coachella Festival. Oder Social Distortion in einem zu kleinen heruntergekommenen Club, in dem man nicht mit ihnen gerechnet hatte. (Wer hier Klischees findet darf sie behalten.) Es gibt also viele Orte an denen man Social Distortion gerne sehen würde, der Wiener Gasometer gehört mit erdrückender Sicherheit nicht dazu.

Social Distortion spielen Social Distortion

Social Distortion - Self-Titled Album

Social Distortion – Self-Titled Album

Nachdem die beiden Support-Acts Johnny Two Bags und Jessica Hernandez & The Deltas das Publikum aufgewärmt haben, geht das Licht aus und zu den Klängen der Stones Nummer Gimme Shelter betreten die Herrschaften von Social Distortion die Bühne. Mit „So Far Away“ gibt man den Auftakt zur (vorerst fast) vollständigen Darbietung ihrer 1990er Platte Social Distortion, die zu ihrem 25. Jubiläum auf der ganzen Tour komplett gespielt wird. Das wäre ja ein Grund zur Freude, vieles an diesem Abend wäre ein Grund zur Freude, doch der Sound vergiftet den Nährboden der Freude. Solange Ness Abstand zum Mikro nimmt ist es noch einigermaßen tragbar, spätestens wenn sein Gesang zu den Instrumenten stößt kann man jegliches Hörerlebnis vergessen. Wie es so oft der Fall ist im Wiener Gasometer. Nun ist es ja nicht so, dass es im Gasometer überhaupt keine Konzerte gibt, bei denen kein fruchtbarer Sound alles versaut. Woran das genau liegt kann ich nicht sagen. Doch offenbar gibt es einige wenige Tontechniker die ein hörbares Konzert gewährleisten. Doch bei den meisten Konzerten ist das leider nicht der Fall und so tut sich irgendwann die Frage auf, wieso man sich noch Konzerte im Gasometer ansieht. Vielleicht ist es doch der kleine Funke Hoffnung, dass das bevorstehende eine Ausnahme von der Gasometer-Konzert-Regel ist.

Part Two

In der Zwischenzeit ackern sich Social Distortion durch ihr Album von 1990, „Story Of My Life„, „Sick Boy„, „Ball and Chain„… Oh ja, dieses Album hat viel Gutes zu bieten. Nach neun Nummern – dem Kenner dürfte auffallen, dass hier eine Nummer des Albums unterschlagen wurde – haben Mike Ness und Kollegen Part One des Abends beendet. Part Two wird ein Mix aus Klassikern, Raritäten und Covers, eröffnet mit „Cold Feelings“ vom Album Somewhere Between Heaven and Hell. Nach „Machine Gun Blues“ vom letzten Album, folgt ein wahrscheinlich (Sound!) ziemlich gelungenes Cover der Rolling Stones Ballade „Wild Horses„. „I Won’t Run No More„, „99 to Life“ und „Gimme The Sweet And Lowdown“ folgen, bevor das selbstbetitelte Album aus Part One mit dem bislang unterschlagenen „Ring OF Fire“ vervollständigt wird.

Diese gewisse Bitterkeit

Zum Ende hin denkt man sich: „Die Band dürfte wohl gar nicht so daneben gewesen sein, aber um das tatsächlich beurteilen zu können, hätte das Konzert auf einer anderen Bühne in einer anderen Location stattfinden müssen.“ Und weiter denkt man sich: „Wäre ein Gemüsemarkt in dieser Location besser aufgehoben als Musiker und ihre erwartungsvollen Fans?“
Don’t Drag Me Down“ beendet die Show nach siebzehn Nummern in rund eineinhalb Stunden. Eine gewisse Bitterkeit bleibt zurück. Social Distortion beim nächsten Mal wieder, aber woanders.

Fotocredit: Social Distortion

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