Einer der größten Rockstars unserer Zeit lud am Dienstag in das ausverkaufte Wiener Gasometer zu einer bis zur Erschöpfung gehenden, improvisierten Show.

Jack White wäre nicht er selbst, hätte er am Dienstagabend im Gasometer nicht mit den üblichen Konventionen gebrochen. So stieß der ehemalige Chefdenker der White Stripes mit Sicherheit jenen vor den Kopf, die eine ordentliche Präsentation der Songs seines im Sommer erschienenen zweiten Albums Lazaretto erwartet hatten. Doch dass es sich hier nicht um ein 08/15-Rockkonzert handeln würde, wurde bereits durch den riesigen blauen Vorhang, der die gesamte Bühne verdeckte und der Durchsage eines Crew-Mitglieds mit der Bitte die Mobiltelefone stecken zu lassen, deutlich.

Anstatt also seinen neuen Longplayer zu bewerben, sorgte White für einen unberechenbaren Abend, in welchem er sich im Wahnsinnstempo durch Lieder seiner mittlerweile fast 20-jährigen Karriere hangelte. Los ging es aber erstmals mit einer kraftvollen Coverversion des Elvis-Songs Power Of My Love. Dass White grundsätzlich ohne Setlist die Bühne betritt, um sich von der Stimmung des Publikums lenken zu lassen, wurde vor allem durch die vielen Absprachen mit seiner Band deutlich. Wie ein autoritärer Regisseur stapfte der Exzentriker von Musiker zu Musiker oder gab mit zackigen, bestimmten Handbewegungen die nächsten Instruktionen durch. Beeindruckend, wie exzellent die Begleitband eingespielt war und sofort auf die Wünsche ihres Chefs eingehen konnten.

Der Chef in Spiellaune

Jack White solo

Bei der Arbeit: Jack White

Dass das Wiener Publikum es offensichtlich ausgezeichnet verstand, die Ansprüche Whites vollends zu erfüllen, zeigte sich nicht nur in den immer locker werdenden Gesichtszügen des sonst oft so grimmig dreinsehenden Ex-White-Stripes-Bosses, sondern auch an der Überlänge des Auftritts: 25 Lieder in beinahe 3 Stunden knallte der mittlerweile in Nashville lebende Musiker der Masse entgegen, weit mehr als in seinen anderen Konzerten davor.

Was White in dieser enormen Spielzeit präsentierte, reichte von Country und Folk über Blues bis hin zu Hard Rock. Ein Großteil des vorgetragenen Repertoires nahmen White-Stripes-Songs ein, die White allerdings nach Belieben zerstückelte und mit seiner schreienden Gitarre zersägte. So wurde beispielsweise das bekannte Riff des White-Stripes-Hits Dead Leaves and the Dirty Ground beinahe bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet.

Bei den akustischen Stücken wie der Country Ballade Temporary Ground und dem stampfenden Hank-Williams-Cover You Know That I Know kamen auch die filigraneren Instrumente der grandiosen Mitmusiker besser zur Geltung, die sich sonst leider häufig in der (wiedermal) grauenhaften Akustik des Wiener Gasometers verloren hatten. Hier konnte vor allem Fats Kaplan, der Ruhepol der Band, mit Pedal-Steel-Gitarre, Mandoline und Theremin glänzen.

Echter als Lady Gaga

Trotz einiger Akustiksongs blieb wenig Luft zum Atmen. Wie ein ewig Getriebener hastete White über die Bühne, während er lustvoll dem Feedback-Sound seiner Gitarre frönte. Minutenlange Instrumentalausflüge verbanden häufig mehrere Songs miteinander oder zogen sie in die Länge. Wenn White dabei nicht seine Gitarre malträtierte und sich seinem Lieblingskampf gegen die Rückkopplungen widmete, beobachtete er seine Band mit verschmitztem Lächeln vom Bühnenrand aus, wie sie sich kontinuierlich in einen Rausch versetzte, angetrieben von dem unermüdlichen und unglaublich kraftvoll spielenden Daru Jones am Schlagzeug, um selbst am Höhepunkt mit seiner kreischenden Gitarre für das i-Tüpfelchen zu sorgen.

Der Auftritt musste so fordernd, energetisch und lebendig sein, damit White seine Botschaft unterstreichen konnte, die er an diesem Abend pädagogisch an sein Publikum richtete: Hier spielen echte Musiker mit echten Instrumenten echte Musik. Dabei kritisierte er deutlich die Katy Perrys und Lady Gagas dieser Welt, was von der Menge mit lautem Geklatsche, Gegröle und zustimmenden Kopfnicken honoriert wurde.

Eine Urgewalt

Zum Abschluss präsentierte White die einzige Konstante bei seinen Konzerten. Das Lied, auf das alle gewartet hatten: Seven Nation Army. Das Riff für die Ewigkeit servierte White hart wie ein Donnerschlag. Dumpf, dröhnend, mächtig. Und das Publikum skandierte jede Note lauthals und mit voller Emotion.

Kurz vor Mitternacht war dann Schluss. Nach der letzten Verbeugung der ausgelaugten und durchgeschwitzten Musiker verließ das genauso ausgelaugte und durchgeschwitzte Publikum den Saal. Ein Rock-Konzert, wie es sein soll: schmutzig, laut, direkt und mit purer Lust am Musizieren. Es gibt keinen Platz für schnörkelige Feinheiten, wenn pure Kraft und Energie regieren. Eine alles unter sich begrabende Lawine, ausgelöst von der Urgewalt Jack White.

Jack White & Band

Jack White und Band erschöpft aber zufrieden nach einer energiegeladenen Show.

Fotocredits: www.jackwhiteiii.com

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