Fünf Jahre nach seinem Auftritt im ppc findet Milow wieder den Weg in die Stadt. Diesmal reicht der eigene Erfolg schon für das größere Orpheum.

Ausverkauft war das Grazer Orpheum nicht aber es war gut besucht, als Lemo auf die Bühne kam um die Menge auf Milow vorzubereiten. Es war genau diese Menge an aufgeregten Menschen, die es erlaubte, ohne großes Gedränge, gemütlich das WC aufsuchen zu können, wenn die Blase drückte und sich ein Bier zu besorgen wenn sie nicht mehr drückte. Der Schweiß des Hintermanns blieb einem somit erspart. Das ist gut, gut sofern man sich auf einen gemütlichen Samstagabend eingestellt hat. Wer auf das mit dem Schweiß steht, wurde enttäuscht. Ich empfehle ausverkaufte Metalkonzerte im August, all Ihren Vorlieben wird hier nachgekommen.

Lemo kehrt heim

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Lemo – Orpheum Graz

Ein Mittzwanziger samt Akustikgitarre auf einem Barhocker, das ist Lemo. Ein in Wien lebender Grazer, der per Zug zurückkehrte um die Möglichkeit aufzugreifen ein heimisches Publikum zu bespaßen. Das macht er auch ganz gut. Seine Lieder hören auf so klangvolle Namen wie „Rückwärts gegen die Einbahn“ und „Paris“. Ihre Botschaften sind oft ganz nett, verursachen manchmal ein Naserümpfen. Natürlich fehlt auch seine Single „Vielleicht der Sommer“ nicht. Das Publikum dankt es ihm mit frenetischem Applaus. Beim Song „Gibt’s da ne Antwort?“ packt Lemo dann sein ganzes Können als Entertainer aus. Für den an sich sehr starken Refrain wird das Publikum in Zwei geteilt. Jeder bekommt seinen Gesangspart und dann geht’s ab. „Gibt’s da ne Antwort? Leider nein… Nein, nein!“. Die Pure Publikumsintegration und Animation. Dieses freut sich über seine unverhoffte Tätigkeit an diesem Abend. Lautes Gelächter, kreischende Nicht-mehr-Teenies. Natürlich gibt es da zwei Aspekte die Lemo entgegenkommen. Zum einen ist er Grazer vor Grazer Publikum. Schwerwiegender ist aber mit Sicherheit das Publikum an sich, das sich leicht zu unterhalten zeigt, wie ein bekifftes Kleinkind. Da führen auch weniger einfallsreiche Sprüche zu großem Gelächter, es mag möglicherweise am Kater vom Vorabend liegen.
Das soll jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass Lemo seine Sache gut gemacht hat. Der Mann hat eine gute Stimme und weiß sie auch einzusetzen. Der Supergau an kreativer Leistung bleibt in seiner Musik zwar aus, aber das ist schon ok. Diese vierzig netten, unterhaltsamen Minuten sprechen für Lemo und seine Rolle an diesem Abend.

Milow ist nicht alleine

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Milow mit Band – Orpheum Graz

Gute zwanzig Minuten nachdem Lemo abgetreten ist, betritt nun Milow, Belgiens größter Musikexport der letzten Jahre, die Bühne. Wer sich nun vorstellte, der 33-Jährige würde den Abend alleine, mit einer Akustikgitarre am Schoß, auf einem Barhocker sitzend bestreiten, lag falsch. Eine Band aus fünf Personen entert die Bühne mit ihm. Da steht zum Beispiel Tom, sein treuer Gefährte, mit Gitarre um den Hals, zu seiner Rechten, Tom wird an diesem Abend noch für viel Freude sorgen. Gestartet wird mit Irving Berlin’s Jazzklassiker „Blue Skies“, einer ruhigen, stimmungsvollen Nummer. Mit „Learning How To Disappear“ nimmt das Set an Fahrt auf. Dennoch ist in der ersten Hälfte eine gewisse Distanziertheit des Hauptprotagonisten des Abends zu spüren. Dass er ein Konzert nicht als bloße Darbietung der Albumversionen seiner Songs versteht, wird mit „You Don’t Know“ klar, das mit einem spannenden Break zur Mitte versehen wurde. Das beruhigt und gibt hoffnungsfrohe Aussichten für den Rest des Abends. Auch wer gekommen ist um sich Milows zahlreichen Radiohits zu hören kommt nicht zu kurz, da fehlt es an nichts. „Little in the Middle“ ist der Gute-Laune-Höhepunkt der ersten Hälfte des Konzerts, das Publikum ist ihm dankbar. Zu „Echoes in the Dark“, das an Joshua Radins Flüstergesang erinnert, tritt die fähige Backgroundsängerin erstmals in den Vordergrund. Die Frau ist hochmotiviert, bewegt sich gespenstisch zur Musik, hat einen Gesichtsausdruck aufgesetzt, der befürchten lässt, dass sie kurz davor steht in völligen Wahnsinn zu verfallen. Sie macht mir doch ein wenig Angst. Interessanterweise kenne ich nicht nur eine Person, die sich noch vor „We must be Crazy“ hoffnungslos in sie verliebt hätte. Skurril…
Nach den ruhigen Tönen von „Echoes“, bringt „Wind me Up“ Bombast auf die Bühne mit dem man bei diesem Konzert nicht unbedingt gerechnet haben muss. Diese Abwechslung tut dem Abend gut.

Es geht auch anders

Ganz fürchterlich lässt es Milow, in Flanell gewandet, nur einmal werden. Als sich das Ende von „We must be Crazy“, zu dem das Publikum bislang mit erhobenen Smartphones schunkelte, zu einer Ausgeburt der schlechtmusikalischen Verwirrungen einer Maturareise in die Türkei verwandelte. Drumcomputer, Effekte, Bass, der Text verwandelt sich in einen Einzeiler, usw. Völliger Müll für den Einen, Grund zur Ekstase für die Anderen. Okay, wie ihr meint.
Mit „Born in the Eighties“, einer Ballade über das Älterwerden, leistet der gar nicht so kleine Belgier Wiedergutmachung. Sämtliche Begleitmusiker, bis auf den Keyboarder, werden der Bühne verwiesen, die Stimmung wird bedeutend nachdenklicher. Langsam wird Milow gesprächiger, leitet seine Songs mit kurzen Geschichten ein und macht den einen oder anderen Witz über zu große Smartphones und die Tatsache, dass das Grazer Orpheum ihm zu Ehren errichtet wurde.
Man schwirrt weiter durch ein Set aus alten und neuen Songs, natürlich ist auch einiges von „Silver Linings“, dem neuesten Album, vertreten. Gelegentlich kommt sogar der Country durch, der in erster Linie Toms Gitarrenspiel geschuldet ist.
„Ayo Technology“ – das Publikum hätte wohl die Bühne gestürmt, hätte er die Nummer nicht dargeboten – eröffnet das dreiteilige Singlefeuerwerk zum Ende des Hauptsets. „You and Me (In my Pocket)“ wird sofort nachgefeuert. Jetzt traut Milow sich auch erstmal in die Nähe des Bühnenrandes, aber nur kurz, die jungen Damen in der ersten Reihe sehen ihm dann wohl doch zu beängstigend aus. Das Publikum ist dennoch mehr als vergnügt, kreischt und klatscht und schmachtet. Dann noch „Against the Tide“ und das gröbste ist geschafft.

Zugabe

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Milow – Orpheum Graz

Der Zugabenblock wird mit dem humoristischen „I was a Singer“ eröffnet – das macht wirklich Spaß und klingt gut – und mit dem anfangs ruhigen und später durch Toms E-Gitarre entflammten „Canada“ geschlossen. „Canada“ ist eine adäquate Abschlussnummer die stellenweise Country-Stimmung verbreitet. Bevor man die Instrumente für den Abend an den Nagel hängt, streut man noch ein wenig Hoffnung auf eine baldiges Wiedersehen: „Maybe Next Year“. Dann ist aber endgültig Schluss, man verabschiedet sich artig vom Publikum, tänzelt ein wenig auf der Bühne rum und Abgang. Milow und seine Mitstreiter haben wenig Zeit zu vergeuden, man muss weiter, in die nächste Stadt zum nächsten Konzert. Pflichterfüllung war dieser Abend deshalb jedoch nicht. Viel mehr war es ein unterhaltsamer, gemütlicher Samstagabend mit guter Musik, von einem sympathischen Musiker der Witz beweist ,und diese angenehme Art aus Unaufdringlichkeit und Freundlichkeit auf die Bühne bringt. Er verbreitet gute Laune und Spaß, aber gibt auch den ruhigen, nachdenklichen Momenten ausreichend Raum, begleitet von einer Band die ihm das Fundament liefert um das zu bieten. Die ganz großen Höhepunkte und diese magischen Momente die einen als Zuhörer in den Bann der Musik ziehen bleiben aus, doch es gibt bei Gott schlimmere Möglichkeiten den Samstag nach Halloween zu verbringen. Gerne wieder…

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