Oder: So lebendig ist die Grazer Musikszene. Oder: Wer nicht dabei war, hat was verpasst. Oder: Wer die kleine Bühne nicht ehrt, ist die große nicht wert.

Es gibt so musikalische Momente, die wirklich magisch sind und bei denen man auch nach Langem noch Gänsehaut bekommt, wenn man sich zurückerinnert. Ich glaube, für alle Beteiligten zu sprechen, wenn ich sage: die erste Living Room Session, veranstaltet vergangenen Ostermontag im Wohnzimmer der Brüder Jan und Phil Harnik, war so ein Erlebnis. Das Konzept ist ganz einfach, aber genial, wenn richtig umgesetzt: ein – in diesem Fall wirklich außerordentlich chilliges – Wohnzimmer wird umgemodelt zu einer Bühne, die gerade groß genug ist, um darauf eine kleine Anlage und ein Mikro unterzubringen. Dazu lädt man einen Haufen netter Leute ein, und Musiker, die sowieso nicht anders können, als den Abend mit dem Instrument in der Hand zu verbringen, und die vor einem kleinen Publikum genauso leidenschaftlich spielen wie auf der ganz großen Bühne. Man kündigt die Sache professionell an, legt Slots für die angekündigten Acts fest, hat – nicht unwichtigerweise – für genug Bier gesorgt, und fertig ist ein unvergesslicher Konzertabend.

Coole Acts in heimeliger Atmosphäre

Als ich das Wohnzimmer betrat, fühlte ich mich sofort pudelwohl: gute Stimmung, Kerzenlicht, ein bunter Haufen bekannter und unbekannter Gesichter, genügend Instrumente vorhanden, sternenklare Nacht. Beste Voraussetzungen für eine gelungene Party also. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste war, dass mich an diesem Abend Acts erwarteten, die über bloße ‚Partyunterhaltung‘ weit hinaus gingen und bei denen wirklich Konzertstimmung aufkam. Den Anfang machte Jan Harnik – jung, charismatisch, Akustikgitarre, was will man mehr – mit einem kurzen Set von authentisch interpretierten Covers, das Stimmung rüberbrachte, Leute zum Mitsingen animierte und genau die richtige Atmosphäre für den restlichen Abend schaffte. Eve (ohne Serpents und als Music News Reporterin unterwegs) spielte spontan auch ein kleines Set, und wird es tunlichst vermeiden, an dieser Stelle ihren eigenen Act zu rezensieren – was darüber vielleicht zu sagen wäre ist, dass es nochmal ein bisschen lauter wurde, bevor es dann mit dem nächsten Act von Peter Pikl so richtig intim wurde.

Peter Pikl: eine packende Reise durchs Land der Emotionen

Peter Pikl ist ein wirkliches Unikat und obwohl ich ihn schon ein paar Mal gesehen habe, glaube ich seine Musik erst an diesem Abend richtig verstanden zu haben. Was an ihm faszinierend ist, ist zum einen seine Echtheit (ein ehrlicheres Strahlen begegnet einem heutzutage selten) und zum anderen die Intensität, mit der seine sehr emotionsgeladenen Songs daherkommen. Als Peter Pikl – an diesem Abend teilweise begleitet von der umwerfenden Anna an der Harfe – auf seiner Akustikgitarre zu spielen begann, kehrte Ruhe ein: bei Musik, die so aus dem Herzen zu kommen scheint, kann man nicht weghören (und auch nicht wegschauen, denn Pikls Mimik und Gestik sind extrem ausdrucksstark). Seine Songs sind sehr dramatisch – im positiven Sinne des Wortes – aufgebaut: sie beginnen oft so leise und sanft, dass man eine Stecknadel hinunter fallen hören könnte, und steigern sich gekonnt zu einem gitarristischen und gesanglichen Gefühlsausbruch. Nach einigen sehr bedeutungsträchtigen, schwermütigeren Nummern (z.B. „Lone Wolf“) freute ich mich über ein paar beschwingtere Songs. Ich war wirklich angetan von Pikls unprätentiösem, aber sehr professionellem Auftreten. Würd ich mir sofort wieder anhören. Sein Album, das er, wie er mir erzählt hat, in New York aufgenommen hat, passt alleine vom – mit Buntstiften selbst gezeichneten – Cover perfekt zu ihm, wie er halt ist: einfach er selbst. Unter diesem Link könnt ihr das liebevoll gestaltete Album mit dem passenden Titel „Pure“ anhören und kaufen: https://peterpikl.bandcamp.com/album/pure

And now for something completely different

Der nächste Act war Phil Harnik (frühere Band: Royal Peasants) der für mich eine Mischung aus jungem Bob Dylan (ja, die Frisur spielt da wohl mit) und Pete Doherty ist (hier, mit Verlaub, weniger wegen der Optik sondern mehr wegen dem anglophilen Songwriting – Phil studiert in London, also was würde näher liegen als Brit/Indiepop). Wahnsinn, ein wirklich guter, auch sehr authentischer Musiker stand da auf der Bühne! E-Gitarre (of course), hohe Männerstimme (womit er trendtechnisch ziemlich ins Schwarze trifft) und sehr charismatisch als Gesamterscheinung. Ich muss sagen, ich habe ihm seinen Style nicht sofort abgekauft (es soll ja viele geben, die ihre Idole einfach nachahmen), aber spätestens ab dem dritten Song war ich voll überzeugt: dieser Musiker fühlt das, was er singt und spielt, und genau das strahlt er auch aus. Ich finde, Phil Harnik ist auch ein richtig guter Showman: denn gerade bei diesem Genre, das ja auch sehr ‚empfindsam‘ und romantisch ist, ist der Grat zwischen gefühlsbetont und kitschtig ein schmaler – und Harnik schafft es, dass man ihm jedes Wort glaubt, und gar nicht anders kann, als mitzusingen und sich auf die Stimmung der Songs einzulassen. Höret und bestaunet das coole Livevideo zu seinem Song „Oh my darling“, aufgenommen in der King’s College Chapel – wahnsinnig tolles Ambiente und wirklich schöner Song, den wir auch bei der Living Room Session zu hören bekamen:

Love, more love, Assaia

Der Höhepunkt des Abends für mich war der Auftritt von 2/4 von Assaia: Sandro Jaklitsch (Gitarre, Vocals) und Felix Martl (Saxophon) waren der letzte Act des Abends und leiteten die wirkliche Party ein: denn von dem Moment an, als die beiden Jungs – auch als Duo wirklich sehenswert – den ersten Song anspielten, war Heimgehen keine Option mehr und sitzen bleiben schier unmöglich. Ich weiß nicht genau, was es ist, das die Musik von Assaia ausmacht: das ist nicht nur feinster Funkrock von Musikern, die wirklich was draufhaben, sondern da kommt so viel Lebensfreude und Gelassenheit rüber, dass man einfach mitgerissen wird. Rauf und runter gespielt wurden Songs von Assaias erster EP „Oak“ (Music News hat berichtet – sehr zu empfehlen), und zwar in so ziemlich allen Positionen (u.a. Felix sitzend, auf Möbeln stehend, gefehlt hat nur noch, dass er kopfüber weiterspielt). Wie man am Video unten sehen kann, war das ganze Wohnzimmer nur mehr am Tanzen. So schön. Und harmonisch. Und wiederholenswert.

Ab ins Wohnzimmer!

Fazit des Abends: Was man nicht alles erleben kann an einem Montagabend in einem fremden Wohnzimmer. Danke an Jan und Phil fürs Organisieren der ‚Crib‘, an alle Beteiligten für die Musik und die Lebensfreude. Die Living Room Sessions haben gezeigt, dass man nicht unbedingt weit reisen und große Locations besuchen muss, um wirklich gute Musik und eine fette Party zu bekommen.

Fotocredit: Jan Harnik

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