Warum das Gebäude seine Besucher nicht gleich zu Spießern macht und wieso sich ein Besuch auszahlt.

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The Rocky Horror Show ist in Graz zu Gast

Das Enfant terrible des Musicals, so legt man es uns in den Mund am Anfang des offiziellen Pressetextes der Inszenierung. Und so falsch liegt man nicht. Richard O’Brien’s The Rocky Horror Show hat sein Publikum nicht nur in den 70er-Jahren schockiert, erstaunt und mitgerissen, das Musical tut es auch heute noch.

Sex, Trash und Rock’n’Roll

The Rocky Horror Show bietet all das, was wir uns in den ehrwürdigen Räumlichkeiten der Grazer Oper, die so voller Stolz über dem Kaiser Josef Platz und dem Grazer Stadtpark thront, nicht vorstellen können: Sex, Trash und Rock’n’Roll. So gutbürgerlich die Geschichte auch beginnt, als das frischverlobte Ehepaar Janet und Brad – gespielt von Harriet Bunton und David Ribi – in Dunkelheit während eines Gewitters auf einer Landstraße liegen bleibt. Auf der Suche nach Zuflucht geraten sie in ein Schloss. Eine Szenerie zwischen Burlesque, Wahnsinn und Drag Show bietet sich dem Paar. Der Hausherr Dr. Frank’n’Furter – gespielt von Rob Fowler – und seine Untergebenen sorgen dafür, dass für Brad und Janet das Ende ihrer unschuldig naiven Weltanschauung naht.

Let’s do the Time Warp

The Rocky Horror Show - (c) Nilz Boehme

The Rocky Horror Show – (c) Nilz Boehme

Der Weg in die Welt der sexuellen Revolution, der Affären und des Transvestitismus wird gesäumt von einer großen Rock-Oper zwischen Rock’n’Roll, Hard Rock und 70er-Jahre Prog Rock.
Am Ende ist The Rocky Horror Show ein groß inszeniertes Rockkonzert mit großem Schauspiel und einer aufregend skurrilen Story. Dabei werden Songs wie „Time Warp“ und „Sweet Transvestite“ – sollten sie den Gehörgang denn irgendwann wieder verlassen haben – nie an Faszination und Bedeutung verlieren, auch vierzig Jahre nach der Verfilmung des Musicals nicht. Eben diese Verfilmung aus dem Jahr 1975 hat vieles beigetragen zu dem Kult, der um das Rock Musical entstanden ist.  So kam es schließlich in den Kinosälen erstmals zu der heute so berüchtigten Mitmachkultur des Publikums. Heute gehört es zum Standardspektakel der Aufführung, dass sich das Publikum irgendwann nicht mehr in den Sitzen halten kann, mittanzt, mit Konfetti um sich wirft, Zwischenrufe von sich gibt oder mit Spritzpistolen schießt – schlicht alles tut, was gegen die guten Gepflogenheiten verstößt. Zwar ist das Publikum in Graz über die meiste Strecke zurückhaltender, doch auch hier spürt man gelegentlich Wassertropfen während der ersten Szenen, das Konfetti fällt erst nach der Show wirklich auf. Aber spätestens am Ende, während der „Time Warp“-Zugabe, bleibt kein Sitz mehr besetzt. Die Oper macht ihre Besucher also doch nicht spießig.

Inszenierung und Cast

Riff Raff - (c) Jens Hauer

Riff Raff – (c) Jens Hauer

Die Pressestimmen zu dieser Inszenierung, die derzeit auf Tour durch den deutschsprachigen Raum ist, sind seit geraumer Zeit voll des Lobes. Und so sehr man es auch mag, als Musikjournalist doch noch ein Haar in der Suppe zu finden, es will keines entdeckt werden. Das Bühnenbild – auf dessen Obergeschoss die Live-Band, die die Basis der ganzen Show darstellt, steht – ist beeindruckend und stilvoll im Sinne der Rockmusik. Bei jedem neuen Gitarrenriff, das mit großen Licht- und Nebeleffekten von der Bühne geschmettert wird, wird das Genusserlebnis größer.
Die Schauspieler überzeugen durch die Bank. David Ribi, der den Brad spielt, hat in seiner Karriere, in seinem Leben, eine weise Entscheidung getroffen. Mit seiner Stimme hätte er der große Kuschelrock-Sänger des 21. Jahrhunderts werden können und uns Tag für Tags aus dem Radio auf die Nerven gehen können, doch er hat sich anders entschieden. Und so kommt es, dass er auf dieser Bühne steht und „Once In A While“ singt, ein Song, für den der Mann geboren zu sein scheint.
Stuart Matthew Price spielt einen Riff Raff, der uns so überzeugend am Wahnsinn des Lebens teilhaben lässt. Hannah Cadecs (Columbia) Stimme ist markerschütternd, großartig. Als Sprecherin, die durch den Abend führt, konnte man Chris Lohner engagieren. Bei ihr reicht schon ein knappes „Guten Abend“, um das Publikum zum überschwänglichen Jubeln zu bringen.

Wer Musicals mag, sollte sich The Rocky Horror Show ansehen, wer Rockmusik mag, der sollte sich The Rocky Horror Show ansehen. Und alle anderen… die sollten sich The Rocky Horror Show ansehen, um endlich Rockmusik und Musicals zu mögen.

Titelbild by Thommy Mardo

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