Als ich mich im Winter spontan dazu entschloss, Gastgeberin eines Herodin-Wohnzimmerkonzertes sein zu wollen, hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Zum einen kringeln sich für gewöhnlich meine Zehennägel beim Gedanken an das, was ich mit dem Begriff Dialektmusik assoziiere. Zum anderen besitze ich kein Wohnzimmer, sondern einfach nur ein Zimmer. In einer WG.

Der Reiz des Ungewissen und die Lust, Freunde ganz gediegen zu einem Konzert im Eigenheim zu laden und dabei heimische Musik zu unterstützen, siegten dann doch. Gut so. Denn Herodin gelang es tatsächlich, mein Zimmer in eine Konzerthalle zu verwandeln – und das an einem Montag. Toller Künstler mit Songs, die fesseln, egal wie minimalistisch die Bühne und das Equipment sind. Das Beste ist: Es wird wieder so eine Wohnzimmertour geben. Dafür solltet ihr euch anmelden.

Aber wer ist eigentlich Herodin?

Nein, mit Heroin hat das nix zu tun. Auch will der Künstlername nicht auf etwa einen Angehörigen des Ordens der hohen Schwerter anspielen. Herodin steht für den Salzburger Musiker und Tonkünstler Herwig Rogler, den Mann, dessen Hut sein Markenzeichen und somit auch Emblem ist, und der nur Stimme und Akustikgitarre braucht, um einen rauschendes Konzert zu spielen. In Zeiten der zunehmend schnell- und überproduzierten Konservenmusik ist Herodin erfrischend authentisch und langsam – im besten Sinne des Wortes. Jeder der Songs auf seinem Debütalbum „Rohmüch“ (Rohmilch für unsere nicht dialektsprechenden Leserinnen und Leser) ist ein eigenes kleines Kunstwerk, das musikalisch beeindruckt (der kann wirklich spielen und komponieren) und die Seele streichelt (der hat Köpfchen und Herz).

Herodin

(c) Jasmin Schuller

Herodin ist kein Newcomer, sondern erfahrener Vollprofi. So hat er nicht nur Musik, Medien und die dazugehörige Technik studiert, sondern auch mit namhaften Local Heroes wie den Uptown Monotones oder den Millions of Dreads zusammengespielt, Bands gecoacht und recorded; nun betreibt er ein Tonstudio, in dem er sein Soloprojekt selbst aufgenommen hat. Dass er einiges drauf hat, spiegelt sich in der Versatilität seiner Musik wieder: Da finden sich Einflüsse spanischer und irischer Folkore, aber auch Blues- und Rockelemente und vor allem Texte, die kleine Gedichte sind und unter die Haut gehen aber auch zum Lachen bringen.

Ein Hut, ein Gitarrenkoffer, ein LED-Lichtschlauch.

Das ist die minimalistische Ausrüstung, mit der Herodin heuer von April bis Juli 33 Wohnzimmerkonzerte in drei Ländern und 15 verschiedenen Orten spielte. Solo, unverstärkt, unterwegs mit Bus und Zug. Das Prinzip ist einfach: Als Host stellt man Wohnzimmer und gegebenenfalls eine Couch zur Verfügung, lädt Freundinnen und Freunde ein. Herodin kommt, konstruiert eine „Bühne“ (das sieht tatsächlich – sogar in meinem Zimmerchen – fantastisch aus) und konzertiert. Sogar ein Miniatur-Merch-Stand wird aufgebaut. Der Preis dieses Vergnügens: eine freiwillige Spende, direkt oldschool in den Hut.

Wer macht so etwas heute noch?

Jemand, der Musik macht, weil er sich so am besten ausdrücken kann; um einen seiner Songs zu zitieren: „Wås auße muaß, muaß auße.“ Jemand, der so gar keine Starallüren hat, sondern einfach so gut ist, dass er sich drauf verlassen kann, dass das Publikum Zugaben hören will und der Hut am Ende des Tages gefüllt sein wird. Jemand, der charismatisch ist und was zu erzählen hat. Das war mitunter einer der besten Aspekte des Konzertes: Von Herodin bekommt man nicht nur Songs dargeboten, sondern auch deren Entstehungsgeschichte und/oder eine lustige Anekdote dazu. Wer wissen will, wie die Wohnzimmertour aus Herodins Perspektive so war, sehe sich das Tourtagebuch an:

Wer noch nie von Herodin gehört hat und wissen möchte, wie Dialektmusik klingt, die ganz und gar nicht mit Volksmusik gleichzusetzen ist und es sogar schafft, einem beim Gedanken an das verregnete Salzburg oder eine überfüllte Straßenbahn Gänsehaut zu bereiten, dem sei sein Album „Rohmüch“ sehr ans Herz gelegt. Nächstes Jahr gibt’s eine neue CD und wieder eine Wohnzimmertour. Go for it!

http://www.youtube.com/watch?v=ydYqm8oxOGg

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