Am Samstag, dem 22.11.2014 beehrt die Londoner Folk-Rock-Band Dry The River Graz, um ihr neues Album „Alarms in the Heart“ zu präsentieren.

Das Konzert in der Grazer Generalmusikdirektion ist Anlass genug, um diese einzigartige Band genauer zu beleuchten und sie näher vorzustellen.

Die Gründungsgeschichte von Dry The River liest sich wie eine musikromantische Wunschvorstellung: 2009 bezogen fünf junge Burschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, ein Haus in East London um gemeinsam intensiv an Songs arbeiten zu können, darunter ein ehemals obdachloser Punk-Rock-Drummer, ein klassisch ausgebildeter Violinist und ein Medizin- und Anthropologiestudent. Dieses mutige Projekt trug auch bald Früchte und so veröffentlichte die Band nach mehreren EPs 2012 ihr Debütalbum Shallow Bed.

Tattoos statt lange Bärte

Das Debüt des Londoner Quintetts wurde von Kritikern durchwegs euphorisch rezensiert – und das völlig zu Recht! Dry The River spielen eine Mischung aus Gospel und Indie-Rock, verpackt in einem folkigen Gewand, garniert mit Post-Punk-Elementen und progressiven E-Gitarren.

Häufig wird die Band in Schubladen wie Folk-Rock oder Neo-Folk gesteckt, was Sänger Peter Liddle allerdings wenig zusagt: „Der Stil von Dry The River ist eher daraus entstanden, dass ich in meiner damaligen Wohnung keine laute Musik machen konnte und auf der Akustikgitarre komponiert habe, deshalb sind wir dabei geblieben. Es war gar keine bewusste Entscheidung. Erst später hat man uns das Label ‚Folkband‘ aufgedrückt, wir haben uns aber nie so gesehen.“ Die Ansicht Liddles ist durchaus nachvollziehbar, wenn einem bewusst ist, dass die Bandmitglieder vor der Gründung in verschiedenen Musikszenen der eher härteren Gangart umtriebig waren.

Ihr Engagement in Metal-, Prog-, Post-Rock- und Hardcore-Gruppen hat nicht nur musikalisch Spuren hinterlassen. Optisch heben sie sich teilweise stark von ihren Genrekollegen ab. Statt dem Hillbilly-Look mit langen Bärten und Holzfällerhemden der Fleet Foxes und dem durchgestylten Auftreten von Mumford & Sons präferieren Dry The River Tattoos, ärmellose T-Shirts und Kapuzenpullis, was sie auf den ersten Blick eher wie eine Hardcore-Band wirken lässt, als die pathosliebende Folk-Band, die sie sind. Überhaupt ist es erstaunlich, dass diese bunte Mischung aus unterschiedlichsten Persönlichkeiten einen gemeinsamen musikalischen Nenner fand.

Auch, wenn die Musik der Band eher zu schwelgerischen und nachdenklichen Stunden in den eigenen vier Wänden mit prasselndem Kamin und einem Glas Rotwein einlädt, können sie ihre rockigen und metalligen Wurzeln nicht verbergen. Die Gitarren und das Schlagzeug wirken, als hätten sie ständig das Verlangen, ausbrechen zu wollen, nehmen sich aber im letzten Moment immer wieder zurück. Wenn es allerdings dann doch soweit ist, entlädt sich die gesamte aufgestaute Energie und es mündet in einem lauten, kraftvollen, hymnischen und höchst melodiösen Feuerwerk, wie in dem famosen Lion’s Den, dem Schlusstrack ihres Debütalbums. Kunstvoll vereinen Dry The River Schönheit mit einer gewissen Portion Härte.

Stark durch Gegensätze

Durch ihren Hang zum Bombast und zu großen Hymnen weckt der Sound von Dry The River Assoziationen an Bands wie Arcade Fire und Band of Horses, ist aber doch näher am Folk angelehnt. Durch himmlische Harmonien und pathosgeladene Ausbrüche verstehen sie es perfekt, eine ganz außergewöhnliche Atmosphäre zu erzeugen. Niederschmetternder Herzschmerz und strahlende Hoffnung liegen hier ganz dicht beieinander.

Dry The River gelingt es, herzerwärmend zu klingen und dabei doch eine bestimmte Distanz zu bewahren, was dem sakral anmutenden Element, das ihrer Musik anhaftet, geschuldet sein dürfte. Die kühle norwegische Romantik, die Liddle während seiner Jugend im hohen Norden aufsaugte, verbindet sich mit starken und wunderschönen Melodien und Liddles unverkennbarer, klagender Stimme, die wie frisch aus einem Knabenchor entlehnt klingt. Erstaunlich, dass trotz dem schwelgerischen Pathos, dem Bombast und den choralen Backgroundgesängen die Stücke keineswegs kitschig oder klischeehaft wirken.

Das schwierige zweite Album

Dass die anfangs noch vorherrschende Musikromantik nicht auf Dauer bestehen wird, war leider zu befürchten. Die WG in East London wurde aufgelöst und Violinist William Harvey verließ Anfang des Jahres die Band, um sich anderen Projekten zu widmen. Auch die Produktion des zweiten Albums gestaltete sich schwieriger als zunächst angenommen. Zum Aufnehmen begaben sich die Londoner nicht wie bei ihrem Debütalbum in die USA, sondern nach Island, wo bereits Produzent Valgeir Sigurðsson (u.a. Björk und Sigur Ros) auf sie wartete. Nach geplanten sechs Wochen in Island verließ die Band die einsame Insel allerdings wieder und benötigte noch ein ganzes weiteres Jahr in Großbritannien, um ihr Album fertigzustellen.

dry the river band

Nur noch zu viert, aber trotzdem noch ganz groß: Dry The River

Ganz so beeindruckend wie das Debüt ist das zweite Album von Dry The River dann leider nicht geworden, trotzdem gibt es auf Alarms in the Heart einiges zu bestaunen und zu träumen. Die größte Stärke der Gruppe war es immer, einen Song wachsen zu lassen. Und auch auf ihrem zweiten Album finden sich wiederum Lieder, die anfangs noch fragil und ruhig wirken, bevor sie Fahrt und Kraft aufnehmen und unerschütterlich und hoffnungsvoll zu glänzen beginnen. Man höre unter anderem die Single Gethsemane. War auf Shallow Bed das Crescendo noch ein ständiger Begleiter der Band, überwiegen auf dem Nachfolger dann doch eher die ruhigeren Songs. Auch stehen die Gitarren auf Alarms in the Heart deutlicher im Vordergrund, was wohl auch an dem Ausstieg Harveys liegen dürfte. Somit distanziert sich das nunmehrige Quartett vom Folk und nähert sich klarer dem Indie-Rock an.

Wer bereits in den Genuss kam, einem Konzert von Dry The River beigewohnt haben zu dürfen, weiß, dass die Band es mühelos schafft, die von ihren Platten bekannte berührende Atmosphäre auch live heraufzubeschwören. Wer sich also einen einnehmenden, bezaubernden und bombastischen Abend voller Schönheit, himmelschreienden Melodien und zügelloser Energie wünscht, dem sei wärmstens ein Ticket für den 22. November empfohlen.

Fotocredit: http://drytheriver.net/

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